Sonntag, 2. Januar 2011

Behind the Mask.

„Wir sind keine Popstars“, verkündeten Daft Punk vor über zehn Jahren und setzten sich Masken auf, um nicht sich, sondern ihre Musik in den Vordergrund zu stellen. Damit erreichten sie jedoch genau das Gegenteil. Über die Neubelebung der Pop-Mystik und das imposante neue Album der Roboterfranzosen.

Im Universum des Pop gilt eine Regel seit Bestehen: Sobald sich jemand eine Maske aufsetzt, will man wissen, wer sich dahinter verbirgt. Bei Batman war das so, bei Darth Vader auch. Diese Mystik der Anonymität, das Geheimnisvolle, das wollen wir doch stets entschlüsseln. Und lösen damit schlussendlich selbst den Hype aus. Und mit diesen Hypes ist es im Pop ja bekanntlich so, dass sie nur von kurzer Dauer sind. Nicht so die Maskerade, sie funktioniert zyklisch – erst The Residents, dann Detroits Underground Resistance, MF Doom und Sido, dem mittlerweile normalisierten Burial folgte Sbtrkt, und schließlich die bizarr-schleierhaften Inszenierungen einer Lady Gaga.

Und natürlich reihen sich hier auch Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo mit ein, die sich bei ihren Auftritten stets unter eigens konstruierten Helmen verstecken und sich damit als futuristische Elektro-Roboter in Szene setzen. Ihr Kostümfest macht die beiden Franzosen, ob sie es nun wollen oder nicht, zu Popstars. Vor allem die Alben „Homework“ und „Discovery“ lieferten zwischen den glitzernden Clubwelten von Paris, New York und Tokyo ein Abbild moderner Tanzmusik. Mit ihrer Maskerade, Audiofiltern und der nervösen Snaredrum hatten sie diese zur grellen Erlebniswelt hochstilisiert, mit genial verwandelten Samples und erfolgreichem Self-Management aber auch den Boden unter den Füßen nie verloren. Daft Punks neues Album, ein gemeinsam mit einem Orchester eingespielter Soundtrack zum Film Tron Legacy, belebt die Pop-Mystik nun auf neue Weise.

Daft Punk und ein 90-köpfiges klassisches Orchester – das klingt so evokativ und tiefgreifend, das man den Pop der Bilder für einen Moment vergisst und die Mystik ganz in der Musik entdecken kann. In einem Zeitalter, in dem Pop hauptsächlich über die visuelle Komponente funktioniert, ist das selten. „Deinem Sampler ist egal, wie du aussiehst“, schrieb der Musiktheoretiker Kodwo Eshun einmal. Daft Punk haben das erkannt und inszenieren ihre futuristische Maskerade neu, als atmosphärisches Klangwerk. Die Musik ist auf dem Soundtrack das Geheimnisvolle, das wir erforschen möchten.

Sie erinnert, abgesehen von der Auskopplung „Derezzed“, kaum noch an die aufgeladene Dancefloor-Effekthascherei der letzten Alben. In Kombination mit dem Orchester klingen die sonst so übersteuerten Synthesizer erstaunlich zurückhaltend, aber trotzdem kraftvoll und durchdringend. Genial, wie sich hier zum Beispiel im Finale Klassik und Elektronik in all ihrer Dynamik abwechseln. Dieses gelungene Zusammenspiel lässt in unseren Köpfen Bilder entstehen, die geradewegs aus der futuristischen Filmwelt stammen könnten. In Tron Legacy, der Fortsetzung zum 80er Jahre-Kultfilm Tron mit Jeff Bridges, geht es um Wettkämpfe im digitalen Innenleben eines Supercomputers. Mit teuren Animationseffekten und der Verpflichtung alter und neuer Stars bringt Hollywood nun diesen zweiten Teil ins Kino. Hierzulande wird er Ende Januar anlaufen.

Daft Punk mögen nicht ganz an Vangelis heranreichen, die mit dem Soundtrack zu Blade Runner ihr Meisterwerk schufen. Dafür verwandeln sie auf diesem Album ihre Pop-Mystik auf neuartige und eindrucksvolle Weise: durch Bilder in unseren Köpfen. Den maskierten Cameo-Auftritt im Film hätte es da wohl nicht mehr gebraucht, aber er erinnert uns daran, was Daft Punk ja immer noch sind: Popstars.

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Aus: Evolver, Dezember 2010

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