Mittwoch, 24. November 2010

Stockhausen wäre stolz.

Aus seiner Umwelt sampelt Matthew Herbert alles, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist: Gackernde Hühner, grunzende Schweine, Drucker beim Ausdrucken, die menschliche Atmung. Dahinter steckt ein strenges Konzept, was weder Popcharts noch Clubtauglichkeit außer Acht lässt. Für die Serie „Recomposed“ interpretiert Herbert jetzt Gustav Mahler – auf seine Weise.

Die Idee der Geräuschmusik entsprang den Avantgarden des 20. Jahrhunderts. Pierre Schaeffer und Karlheinz Stockhausen schufen mit ihrem Ansatz, Alltag und Umwelt – und nicht etwa herkömmliche Musikinstrumente – als kompositionelle Ressource einzusetzen, ein neues Bewusstsein für die Klangkünste. Auch wenn Herbert mit musique concrète nichts zu tun haben möchte, basiert sein Werk auf ähnlichen Vorstellungen. In einem musikalischen Manifest verbot der Engländer sich selbst die Nutzung jeglicher Drum Machines; stattdessen ist er bei jedem neuen Album mit einem riesigen Mikrofon unterwegs, um Geräusche aus seiner Umwelt aufzunehmen und daraus neue Musik zu erfinden.

Auf seinem 2001er Werk „Bodily Functions“ entdeckte er Körpergeräusche als Beatstrukturen. Anstatt Bassdrum und Hi-Hat hört man Gurgeln, Zischen, Atmen. Das demnächst erscheinende „One Pig“ besteht nur aus Lauten, die ein Schwein von sich gibt. Vieles daran muss einem fremd erscheinen, und ein Sinn der seltsamen Geräuschemischung erschließt sich erst im Kontext. Mit einem gesampelten Drucker, der Anti-Bush-Flugblätter druckt, wird ein Instrumentaltrack schnell zu einem politischen Statement. Das Piepsen von eingesperrten Küken auf „Plat du Jour“ verurteilt Massentierhaltung. „Musik soll alles sein“, so der 38-jährige, „schön, schwierig, zur Flucht verhelfend, unseren Alltag transzendierend. Und sie soll die Welt verändern“. Bezeichnend ist, wie hörbar der Künstler seinen musikalischen Aufstand dennoch gestaltet. Die Produktionen klingen mal nach minimalistischem House, mal nach sanftem Jazz; sie funktionieren im Club, navigieren sich aber auch in die Popcharts.

Da überrascht es kaum, dass Matthew Herbert jüngst gefragt wurde, für die Serie „Recomposed“ der Deutschen Grammophon Gustav Mahler neu zu entdecken. Mahler stand an der Schwelle von der Klassik zur Neuen Musik und nahm in seinem Werk bewusst Abstand von der Instrumentalisierung und Tonalität der klassischen Musik. Dadurch hatte seine Musik eine Schwere, die nur wenigen einen Zugang ermöglichte. Auch Herbert macht es bei seiner Interpretation von Mahlers zehnter Symphonie dem Hörer nicht leicht. Es wäre einem Selbstverrat gleichgekommen, hätte er einfach einen Beat untergelegt, und so beschäftigt sich der Engländer mit dem Tod als dominierendem Thema aus Mahlers letzter und unvollendeter Symphonie. Das macht er auf seine Weise, indem er Laute in einer Urne aufnimmt, Mahler aus Lautsprechern in einem Sarg spielen lässt oder am Grab des Komponisten in Wien die Bratsche aus dem Adagio neu aufnimmt. Er erfindet die Musik nicht neu, er interpretiert nur die Umstände hinein, unter denen Mahler damals seinen eigenen Tod erwartet haben muss. Das Ergebnis klingt nach viel Drama, nach Klaustrophobie, nach Melancholie, nach Matthew Herbert – immer eigenartig, immer hörenswert.

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Aus: TRAFFIC, September 2010

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