Samstag, 13. November 2010

Stilsicheres Gitarrenzerbrechen.

Nehmen wir es genau: Rock, das ist weitaus mehr als eine musikalische Stilrichtung, nämlich die Legitimierung hemmungsloser Ekstase während man die eigenen Instrumente trasht. Und darin war Jimi Hendrix so stilsicher wie kein anderer. Dem echten Guitar Hero zum vierzigsten Todestag.

Seine bevorzugte Gitarre, die Stratocaster von Fender, hat so einige seiner Auftritte nicht überlebt. Zum Beispiel 1966 in München, als das Instrument beim Bad in der Menge brach und danach von Hendrix auf der Bühne zerschlagen wurde. Oder, legendär, beim Monterey Pop Festival im Juni 1967, als er sie während „Wild Thing“ mit Benzin übergoss und in Flammen aufgehen ließ. Rock, das waren die Töne, die ein solcher Akt aus der Stratocaster lockte, und das Geschrei aus der tobenden Menge, das nachhallte. Dieser Moment bedeutete für die Generation der 68er nicht nur hedonistische Erfüllung, sondern auch identitätsstiftende Vereinigung. Zum Woodstock-Festival kamen über 400.000 Begeisterte. Dies war die eigentliche „Great Society“, nicht das geplante Reformprogramm von Präsident Johnson, welches durch die hohen Kosten des Vietnamkrieges schließlich verhindert wurde.

Dieser Society um den verlorenen Krieg und Stolz der Amerikaner widmete Jimi Hendrix seine eigene Hymne. „The Star-Spangled Banner“ spielte er zum ersten Mal am Montagmorgen auf dem Festival von Woodstock. Der Auftritt hatte sich so sehr verzögert, dass nur noch etwa 25.000 Besucher anwesend waren. Für sie spielte der Gitarrenexzentriker tatsächlich die Nationalhymne, zerstörte sie aber gleichzeitig durch quietschende Tonfolgen und bizarr verzerrte Akkorde so sehr, dass man meinte, die Kriegsstätten voller Sirenen und quälender Schreie hören zu können.

In seinen Auftritten und seiner Musik spiegelte sich der amerikanische Alptraum, den Hendrix selbst erlebte: Er wurde am 27. November 1942 in Seattle geboren und lebte die erste Hälfte seines Lebens in völliger Armut. Der Alkoholsucht und Gewalt seines Elternhauses schien er nur durch die Musik entfliehen zu können, schon fast zwanghaft praktizierte er es das Gitarrespielen, nachdem er mit 15 seine erste akustische erhielt. Er fand schließlich Arbeit als Begleitmusiker für Soulgrößen wie The Supremes. Aber dem schwarzen Amerika war er mit seiner Vorliebe für Rockmusik suspekt, und im weißen Amerika war er als Schwarzer mit seiner Afrofrisur und der extravaganten Kleidung nicht immer willkommen. Mit seiner neuen Band The Jimi Hendrix Experience und deren Album „Are You Experienced?“ schrieb er schließlich in England Geschichte, im Swinging London der 60er Jahre. Erst über den Umweg Europa fand er dann auch in der Heimat Anerkennung.

Aber Rock, das ist auch ein Gefühlszustand zwischen den Kontinenten, zwischen den Schichten und Hautfarben. Es geht um höheres Bewusstsein; man entschuldigt sich mal eben, während man den Himmel küsst. Rock ist ein Trip, der für Jimi Hendrix am 18. September 1970 endet, als er nach einer durchgemachten Nacht in seinem Hotelzimmer in London stirbt. Gerade mal 27 war er da und, wir nehmen es genau, schon eine Legende.

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Aus: TRAFFIC, Oktober 2010

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