Montag, 1. November 2010

Kontemporärer Wallstreet Soul.

Aloe Blacc besitzt viele Talente, als Sänger und Rapper, als Bassist und Trompeter, als Vollblutmusiker und Lebenskünstler. Aber vor allem eines ist der Kalifornier: ein hervorragender Storyteller. So erzählt nicht nur jedes Lied, sondern auch sein neues Album „Good Things“ als Gesamtwerk eine eigene Geschichte. Nämlich die, dass Soulmusik in ihrer kontemporären Fassung nicht mehr ausschließlich schwarz sein muss. Themen und Texte sind im Amerika des Jahres 2010 angekommen.

Und dessen Alltag wird bestimmt von einer Finanzkrise, ergebnisloser Politik und dem immer anhaltenden Traum, es vom Tellerwäscher zum Millionär zu bringen. Im Soul der 60er Jahre verbündete sich das schwarze Amerika noch über identitätsstiftende Themen wie Black Pride oder den Kampf um die Bürgerrechte. Heute ist es der American Dream, oder vielmehr dessen Kehrseite, der als gemeinsamer Nenner eines multikulturellen Amerika fungiert.

Aloe Blacc selbst kann als Kind afro-panamaischer Einwanderer ein Lied davon singen. Das tut er, auf sozialkritischen Liedern wie „Miss Fortune“ oder „So Hard“, die von Konsumsüchten, Wallstreet-Dogmen und der heimtückischen Macht des Geldes handeln. Auf dem eingängigen „Politician“, das scheinheilige Versprechungen der Politiker in Frage stellt. Oder auf dem Opener „I Need a Dollar“ über das Schicksal eines Angestellten, der entlassen wird und seine Probleme im Alkohol ertränkt. Als Titelmusik der HBO Fernsehserie „How to Make It in America“ um zwei Möchtegern-Karrieremacher in New York wurde der Track rasch zum Abbild der strauchelnden Selfmade-Generation.

Wenn Bushs Amerika die Musik rebellischer machte, so hört sie sich unter Obama nachdenklicher an. Auf die rüpelhaften Meinungsmacher des Pop wie Eminem, Green Day oder Kanye West folgt, gerade im Soul, eine sozialkritische und geheimnisvolle Stimme à la Dwele, Erykah Badu oder Georgia Anne Muldrow. In deren Texten geht es um persönliche Geschichten, um den Common Man. Dabei klingen sie fast wie der Präsident zu Wahlkampfzeiten – aber auch nur fast, denn der Hype um einen schwarzen Helden ist längst auch in der Musik verblasst. „Ich habe zu viele Menschen leiden sehen, um von einem Präsidenten Obama gekauft zu werden“, sagt Erykah Badu. Es ist das Amerika des Jahres 2010 – nicht nur das schwarze – dass dieser moderne Soul widerspiegelt.

Aber kontemporärer Soul wäre keiner, würde er sich ganz von seinem Ursprung lösen, und Aloe Blacc auch kein eindrucksvoller Musiker, würde er ihn nicht sensibel und zwanglos modernisieren. In seiner Musik manifestiert sich die Erinnerung an die feinfühligen Balladen aus den Hochzeiten von Motown und Stax. Im Refrain folgt auf den Call immer noch die Response und Rhythmik und Melodien funktionieren fernab von jeglicher Hektik des modernen Pop. Letzteres ist auch der ausgezeichneten Begleitband The Grand Scheme zu verdanken, die gemeinsam mit dem Künstler das Album nahezu komplett live eingespielt hat. Mit Stones Throw aus Los Angeles hat Aloe Blacc zudem ein geeignetes Independent-Label gefunden, um in seinem Wirken experimentierfreudig zu bleiben. So gab es in der Vergangenheit von ihm schon mal eine ungeheuer sanfte Version von Michael Jacksons „Billie Jean“ zu hören, oder eine spanische Version von John Legends „Ordinary People“.

Dieses Album aber sei rein dem Soul gewidmet, so verkündet Aloe Blacc, und beseelt uns mit seinem Cover von Velvet Undergrounds „Femme Fatale“ auf einfühlsam romantische Weise. Damit erkundet er ein Genre, das schon immer große Geschichten erzählte. Wo wäre der talentierte Storyteller besser aufgehoben?

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Aus: Titel-Magazin, Oktober 2010; Evolver, Oktober 2010

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