Sonntag, 19. September 2010

Zwischen Street Tale, Jazz-Rap und Black Consciousness.

Guru: Ein Nachruf

Hip Hop mit Bitches- und Bling-Leitbildern auf MTV bietet wohl kaum eine seriöse Auseinandersetzung mit den Wurzeln der Kultur, ganz zu schweigen von einer ernstzunehmenden Selbstfindung seiner Protagonisten. Und so galt Keith Elam alias Guru zu Lebzeiten stets als Individualist, indem er den Rap auf seine Muttermusik, den Jazz, treffen ließ und in seinen Texten ausgereiftes Storytelling mit religiös motivierter Self-Consciousness verband.

1985 gründete Elam, damals noch als MC Keithy E, in seiner Heimatstadt Boston die Formation GangStarr. Nach Umstrukturierungen stieß der aus Texas stammende DJ Premier hinzu und das Duo veröffentlichte im Jahr 1989 No More Mr. Nice Guy. Neben Größen wie De La Soul und LL Cool J zunächst kaum beachtet, begründete GangStarr mit diesem Album bereits einen individuellen Stil, der bis zum Jahr 2003 auf sechs weiteren folgen und florieren sollte und GangStarr zu einer Konstante innerhalb der schnelllebigen Szeneindustrie werden ließ.

Dieser individuelle Stil basierte auf Premiers Talenten als Produzent sowie auf denen Gurus als charismatischer Stimmgeber. Hier wurden auf der einen Seite trockene Beats mit Jazz- und Soul-Melodien angereichert, der Refrain mit perfekt gesetzten Scratches und Spoken Word-Samples von James Brown oder John F. Kennedy unterlegt. Guru auf der anderen Seite bestach durch seine unvergleichliche Stimmpräsenz. Überzeugend durch ihre ruhige Einheit, klang sie dabei trotzdem nie eintönig oder gar langweilig, weil sich der MC kritisch mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen wusste. Man läge falsch, würde man Texte wie „while some choose greed I choose to plant seeds / for your mental, spirit and physical temple“ als simplen Battle-Rap abtun, denn dazu war Gurus in seiner Lyrik einfach zu weit entfernt von der Selbstbeweihräucherung und dem Macho-Gehabe anderer Zeitgenossen. Guru machte sich einen Namen durch sein konstruktives Anklagen, sein Herausfordern. Seine Texte waren Belehrung und Weckruf zugleich, für den Hörer, den Hip Hop im Allgemeinen und ja, auch für die schwarze Community.

Hier war Guru in seinem Element. Analog zu den Ansichten der Five Percenters, dass nur fünf Prozent der Menschheit wahre Weisheit besitzen und diese zum Wohle aller verbreiten sollen, schuf Elam den schwarzen Wissensvermittler Guru – ein Akronym für „Gifted Unlimited Rhymes Universal“, aus den Lehren der schwarzen Religionsgemeinschaft. Und die Komposition solcher Texte wie „I must bring ideals for better living, see / because I do believe in positivity” machte deutlich, wie Guru seine Rolle im Hip Hop selbst verstand. Da ging es weniger darum, Freestyler und Wortakrobat zu sein, viel wichtiger war dem ehemaligen Sozialarbeiter die Rolle des Lehrers und Vermittlers. „An Expression of Black Urban Life“, so definierte Guru einmal Rap-Musik.

Dass Guru dann auch noch als hervorragender Storyteller überzeugte, vervollständigte sein Profil als Ausnahmefigur im Hip Hop. Hier sind Tracks wie Just To Get A Rep oder Jazz Thing hervorzuheben. Auf letzterem bediente sich Premier für das zusammengeschnipselte Intro bei Louis Armstrong und Thelonious Monk und Guru bei dem Poeten Lolis Eric Elie. Das Lied erzählt voller Anerkennung und Begeisterung die Geschichte der Jazz-Musik, von den Sorrow-Songs der Sklaven über Charlie Parker und John Coltrane zum Jazz heute: „Jazz ain‘t the past / this music‘s gonna last“.

Dazu lieferte Guru selbst mit Jazzmatazz wohl einen der prägendsten Beiträge. Zwischen 1993 und 2007 nahm er vier Alben auf und versammelte darauf die Crème de la Crème der Jazz-Musik: Donald Byrd, Branford Marsalis, Herbie Hancock, Lonnie Liston Smith, Courtney Pine. Jazzmatazz war die organisch klingende Kombination aus live eingespieltem Jazz und Rap, für viele ein Meisterwerk der neuen schwarzen Musik. Jedoch stieß das Werk bei einigen Rap-Puristen und Billboard-Größen auch auf Unverständnis. Guru verhalf es dazu, sich vor allem in Europa und Japan neue Hörerkreise zu erobern. Und hierzulande schien Hip Hop in den 90er Jahren mit Gruppen wie Public Enemy, A Tribe Called Quest und eben GangStarrs Jazz-Rap (auch wenn sich Guru selbst dieser Kategorisierung verweigerte) endlich in den Feuilletons angekommen und anerkannt worden zu sein.

Aber zwischen den Erfolgen bei Kritikern und Käufern blitzte auch etwas anderes durch. So sehr Premier und Guru als Duo idealisiert wurden, prägten auch Meinungsverschiedenheiten ihre Karriere. Lange Pausen, abgesagte Touren und Gurus Alkoholprobleme führten schließlich zur Trennung im Jahr 2003. Die anschließende Solo-Karriere verlief für Premier mit Produktionen für Jay-Z, Nas und Christina Aguilera deutlich erfolgreicher als für Guru, bei dem zwei Solo-Alben und das vierte Jazzmatazz-Projekt bei der Kritik durchfielen. Dass dafür meist Gurus neuer Produzent und Partner Solar verantwortlich gemacht wurde, zeigt, wie sehr die Person Gurus auch nach dem Ende von GangStarr immer noch als Teil davon wahrgenommen und glorifiziert wurde. So wünschten sich viele eine Wiedervereinigung mit DJ Premier.

Zu einem angeblich geplanten Reunion-Album kam es nicht mehr. Guru, an Krebs erkrankt, fiel nach einer Operation ins Koma. Er starb am 19. April 2010 in New York.

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Aus: uptown strut, Herbst / Winter 2010

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