Freitag, 24. September 2010

Papa zum Geburtstag.

Oder: Impressionen aus einem Leben mit dem Vater.

Der Vater ist der, der dir das Leben schenkt. Der dich lächelnd im Arm wiegt. Der arbeitet und Geld verdient, damit es dir gut geht und du zur Schule gehen kannst. Der Vater schiebt manchmal den Kinderwagen, oder er füttert dich, oder turnt mit dir, oder kitzelt dich. Er ist auch der Mann, der Zeitung liest, Nachrichten guckt, Wein aussucht und schimpft, wenn es drauf ankommt. Und der Mann der zu deiner Mutter gehört. Den Mann nennst du nämlich „Papa“, denn es ist dein Papa. Wenn du deine kleinen Hände in seine legst, merkst du wie groß seine Hände sind. Deine Hände werden irgendwann auch mal so groß! Und deine Augen sind wie die seinen. Und deine Gedanken auch, auch wenn du sie anfangs nur nachahmst. Manchmal, da findest du deinen Vater fies. Und manchmal, da weichst du ihm aus. Und manchmal, da hast du keine Lust auf Mathe lernen, und schreibst stattdessen eine schlechte Note. Du fliehst vor dem guten Rat, aber das erkennst du da noch nicht. Der Vater ist doch dein Ratgeber, wie ein weiser alter Mann in einem Stamm irgendwo weit weg, aber er ist doch so nah. Ganz nah. Denn er ist in deinem Herzen. Mein Vater ist in meinem Herzen. Ja, weil ich liebe meinen Vater. So Liebe und Zuneigung von Sohn zu Vater und so. Meinem Vater widme ich diese Zeilen. Impressionen aus einem Leben mit dem Vater. Meinem Vater. Mein Vater der wird jetzt schon 66. Und vor 22 Jahren, da war der Papa ... 44, und da wurde der Papa zum Papa. Aber das weiß ich leider nicht mehr so genau. Nur verschwommen zeigt mir die Erinnerung Bilder. Beim Spielen im Garten. Mein Vater hat mir Zweige zusammengelegt, auf denen ich rumspringen darf. Im Winter bringt er mir Schneeballen mit dem Schubkarren. Oder er baut mir aus Pappkartons eine Ritterrüstung. Und kauft mir Lego. Übrigens, früher, da hab ich den Papa immer um Erlaubnis gefragt, wenn ich was großes vorhatte, aber er hat meistens ja gesagt, und wenn nicht, dann hat er mir ins Gewissen geredet. Und schon wieder hat er mich erzogen. Damals, als ich mir Plattenspieler kaufen wollte. Oder teure Kleidung, da hat er dann übrigens immer den Schneider rausgezwickt und mir wehgetan. Der Papa hat mich auch oft auf den Arm genommen. Und rumgeworfen, das war toll! Bis die Mama dann immer gesagt hat, er solle doch damit aufhören. Die Mama war immer erwachsen, und hat mich erzogen, und der Papa war wie ein Kind. Aber wenn ich genau nachdenke, da hat der Papa mich auch erzogen. Der Papa ist ja Lehrer, und der hat mir den Computer gezeigt. Der hat mit mir gelernt, Mathe und Physik vor allem. In Mathe hat’s auch was geholfen. Der Papa hat mir auch immer die Welt erklärt, vor allem bei all den Sachen, wo die Mama gesagt hat, ich soll den Papa fragen. Zum Beispiel ist mein Papa mit mir irgendwann mal zum Stoiber und hat gesagt, der kommt rein und dann spielt das Orchester den Defiliermarsch, weil der hat damals beim Strauß schon gewirkt. Bei der Kanzlerwahl haben wir dann beide auch FDP gewählt, weil alle anderen in Bayern ja schon dank tausender Defiliermärsche den Stoiber gewählt haben. Als ich zum ersten Mal alleine auf Reisen war, da hat er mich immer ganz feste gedrückt, als ich zurückkam. Ich glaube, der war da stolz auf mich, weil ich bin ja auch sein Sohn, nicht nur er mein Vater. Und er hat mich auch stolz seiner großen Familie gezeigt. Die Familie, die war ihm immer wichtig, und deshalb sind wir da auch immer hingefahren, zur großen Familie. Und ich bin im Garten vom Opa rumgerannt, oder hab mit dem Hund gespielt, so ein schwarzer wolliger, Dorle hieß der Hund. Der Opa, das ist der Papa von meinem Papa. Der lebt leider nicht mehr, und ich kannte den gar nicht so gut, aber ich hab meinen Vater oft mit ihm gesehen. Ob der meinen Papa auch immer rumgeworfen hat? Oder ihm auch mal Mathe beigebracht hat? Und die ganzen Schwestern von meinem Papa, einige lustig und einige streng, andere laut und andere schimpfend. Eine hat sich mal bei uns im Garten bei einem Geburtstag den Fuß gezerrt, da haben wir mit unseren Gästen aus Amerika zu wild rumgetanzt. Das war eine wilde Geschichte! Übrigens, ganz toll fand ich auch immer die vielen Geschichten von meinem Papa. Die Geschichten haben mich ganz neugierig gemacht auf die Welt. Da ging’s um Odysseus. Oder um Heinrich Harrer. Um Griechenland und Lhasa. Der Papa konnte gut erzählen, einmal hat er uns beim Mittagessen die Handlung von „Plaza Fortuna“ erzählt und wir haben ganz viel gelacht. Der Papa konnte wirklich gut erzählen. Und er hat mir nicht nur die Welt erzählt, sondern sie mir auch gezeigt. Wir waren in Griechenland (in Lhasa bis jetzt noch nicht). In Jugoslawien hat er mir erklärt, warum ich kein Eis bekomme ... und Mama hat dann gesagt, das sei jetzt meine erste Erfahrung mit einem sozialistischen Land. Das hab ich nicht verstanden damals; wollte ich auch nicht, ich wollte nur ein Eis! Am Meer in Bibione da hab ich den Papa immer eingegraben. Und dann gelacht, wenn er sich selbst wieder ausgegraben hat. Vor lauter Lachen hab ich dann auch immer etwas am Strand vergessen. Später gab’s dann leckeren Tintenfisch, daher kommt wahrscheinlich die Lust auf exotisches Essen (sogar Patacón esse ich jetzt), und wir sind in den Pool von Nachbarhotel gegangen, daher kommt die Lust auf Abenteuer und ausgefallene Sachen. Mein Papa hat meine Mama kennengelernt in Bolivien. Das war auch eine ausgefallene Sache, da auf dem Schiff, und dann in den Yungas mit dem VW-Bus. Das kenne ich von alten Super-8-Filmen und Schwarz-Weiß-Fotos. In Bolivien, da war ich dann auch mal mit beiden. Aber es war kalt und hat gestunken. Zum Glück haben wir James Bond mit ein paar Indios als Ausgleich geguckt. Zum Glück hatte da der Papa mal Zeit, weil manchmal war er schon viel weg, in seiner Schule. Aber mein Vater, der hat mir in der Schule in München immer seine Kollegen gezeigt, den Herrn Wieshuber, Burkhember und die Frau Hoffman (mit deren Auto wir mal ganz schnell gefahren sind, das war toll ... gut, dass die Mama nicht dabei war, die hätte wahrscheinlich gesagt, Papa solle aufhören). Und irgendwann hat er mir dann gesagt, dass er jetzt nicht mehr in München am Ostbahnhof in dieser weißen Fachoberschule mit Tiefgarage arbeiten wird sondern weiter weg ... in Kolumbien, wo er noch viel mehr zu arbeiten hatte. Und da war ich gerade erst in der ersten Klasse beim Lesen, Schreiben und Rechnen, mit meinem Cousin beim Spielen, mit meiner Klasse auf Ausflug, und mein Vater erzählte mir das. Ich wollte aber eigentlich nicht weg. In Kolumbien da gibt’s keinen Schnee. Da kenn ich keinen. Da verstehe ich nichts, weil die sprechen da nicht Deutsch. Aber nicht mal der Nikolaus konnte mir helfen, also hab ich meine letzten Hausaufgaben auf den Umzugskartons gemacht, mich von meinem Cousin verabschiedet (der hat versprochen, mal zu kommen), noch mal die deutschen Felder aus dem Flugzeug angeschaut, und meinem Vater mit den letzten Vorbereitungen geholfen. Der wollte nämlich das Haus umbauen, und dann hab ich ihm halt geholfen, die Tanne wegzuschneiden, damit mehr Platz fürs Umbauen war. Und das, obwohl ich den Baum geliebt habe. Aber ich durfte auch mal mit der Motorsäge sägen. Aber das Haus bauen, das hat mein Papa besser verstanden als ich, deshalb geh ich immer weg wenn ich ihm eigentlich beim Haus bauen helfen sollte. Tja, und dann sind wir irgendwann also nach Kolumbien, das liegt im Norden von Südamerika und da spricht man Spanisch und wir sagen „Gracias“. Ich fand es dann doch total schön dort, die fünf Jahre. Da ist ganz viel passiert, und unsere Familie hat das alles ganz schön verändert dort, glaube ich. Ich erinnere mich an vieles mit meinem Papa: Einmal hab ich mit ihm im Physikraum warten sollen, und dann habe ich so eine Linse kaputt gemacht, da war der Papa böse. Und er war auch böse, als ich mich nicht ums Boot gekümmert habe in Venezuela und stattdessen Rambo geguckt habe und Taxis den Weg gewiesen habe. Und er war total sauer, als er das Feuer am Orinoco gemacht hat, und es plötzlich angefangen hat zu regnen. Das war ein ganz besonderer Abend. Da bin ich baumgeklettert, und der Leguan auf dem Baum ist gesprungen und durch die Blätter nach unten gefallen. Da hat mein Vater gerufen: „Fällst du?“, und ich hab erst lange danach geantwortet, dass ich noch hier oben sei. Aber als er mich das gefragt hat, also ob er mich jetzt auffangen wollte, und Angst hatte, und sich Sorgen um seinen Sohn da oben macht (ihn aber trotzdem klettern lässt), da habe ich so richtig gespürt, dass er mir ein Vater ist, und sich um mich sorgt, und dass er mich liebt. Das war ein ganz intensiver Moment. Der Papa hat mich manchmal auf seinen Schoß genommen, und dann durfte ich autofahren mit unserem großen roten Jeep, durch die Wüste, oder ich durfte auf dem Dach mitfahren, oder Bootfahren, aber da musste ich auch immer beim aufpumpen helfen, na ja, heute ist das ganz selbstverständlich. Mein erstes eigenes Bier hat mir mein Vater nach der 7-Stunden-Überfahrt auf dem Meer ohne Kompass und mit (Gott sei Dank) ausreichend Benzin gekauft. Ich war stolz auf unsere Familie, besonders auf meinen Vater, der uns sicher an die Küste gebracht hat mit dem kleinen schwarz-gelben Schlauchboot. Aber ich war auch sonst immer stolz auf meinen Vater. Als wir wieder in Straubing waren, war ich stolz auf meinen Vater, dass er eine neue Stelle hatte als Schulleiter. Ich war stolz, weil ihn seine Schüler mochten. Und ich war stolz, weil ich konnte ihm einfach erzählen, dass ich mich zum ersten Mal mit Bier betrunken hatte, dass ich jetzt verliebt sei und eine Freundin habe, dass ich manchmal gute ... und auch schlechte Noten hatte, und so vieles. Aber mein Vater war glaub ich auch stolz, er hat mir wieder Fahrhilfe gegeben, so dass ich den Führerschein auch gleich geschafft habe. Beim Bootsführerschein war er sogar so nett, und hat mir gezeigt, was er geschrieben hat. Und er war stolz, dass ich mein Abi auch bestanden habe. Und er war stolz, dass ich Behinderten half beim Zivildienst. Und dass ich zu studieren anfing, wie er damals, und alleine auf Reisen gegangen bin. Überhaupt, dass ich ein eigenes Leben lebe. Aber so vieles in diesem wunderbaren Leben verdanke ich dir! Weil du mir die Augen und Ohren für so vieles geöffnet hast. Weil ich von dir die Lust aufs Leben und die Welt habe. Weil ich so froh bin, dass du mein Vater bist. Ich liebe dich. So von Sohn zu Vater und so ... nicht nur heute, an diesem besonderen Tag, an dem du 66 wirst!

Dein Sohn Mathias

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Aus: Jetzt.de, Januar 2007

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