Montag, 27. September 2010

Gilles Peterson: Joining the Dots!

Gestatten, Gilles Peterson.

In erster Linie mal Weltreisender. In Kroatien an einem Wochenende, in Kasachstan am nächsten, in Kolumbien am dritten – und überall nimmt der Herr sich Souvenirs mit: diese schwarzen, kreisrunden Scheiben mit Rillen und Loch in der Mitte. Wieder zurück in der Heimat London werden diese einsortiert, in die jenseits-aller-Übersicht Plattensammlung (dazu Gilles: „irgendwann wurden es so viele, dass ich mir ein zweites Haus zulegen musste“). Trotzdem verschwinden die neuen Mitbringsel nicht hinten links im dritten Zimmer zwischen Cumbia, Jazzanova, Ben Webster und dem Warp Records-Katalog, sondern werden pünktlich zur eigenen Radiosendung mit dem Titel „Worldwide Show“ wieder heraus gezaubert. Das freut dann Kroaten, Kasachen, Kolumbianer … und weitere tausend Weltbürger, die zuhören.

Gestatten, Radio-Nonkonformist.

Seit nun fast 20 Jahren auf Sendung. Erst heimlich beim Pirate-Radiosender Invicta in den frühen 80ern, später beim Klassenbesten, der BBC. Und im Gepäck stets diese reizenden, von so vielen anderen unentdeckten Souvenirs. Aber der Reihe nach.

Gilles Peterson wächst in einem Backsteinhaus-Vorort im Süden Londons auf. Sein Vater ist Schweizer, die Mutter aus Paris. Mit seinen zwei älteren Geschwistern besucht er erst die Französische Schule in London, später dann die High School. Das raue England hat ihm als gebürtigem Franzosen zunächst nicht mehr zu bieten als sportlichen Wettkampf, vor allem für Fußball und Rugby kann er sich begeistern. Eine Zeit lang sieht es sogar so aus, als ob er Profi-Sportler werden könnte. Die Eltern sind stolz.

Mit 14 hört er bei einem Freund zum ersten Mal Musik von Earth, Wind & Fire. Ein Wendepunkt, denn „vorher hat Musik in meinem Leben kaum eine Rolle gespielt“, jetzt aber bewegt sie etwas bei dem Teenager. Er lernt die Stilrichtung Jazz Funk kennen, und des Nachts Pubs, in denen man diese spielt. Kleidung und Haarschnitt werden rebellischer: „I used to be that irritating guy who irritates me these days“. Um sich Geld zu verdienen, babysittet er bei den Nachbarn, und hört nächtelang Radio, Robbie Vincent und Greg Edwards, Ikonen der Londoner Szene. Der Sport wird zur Nebensache, die Nacht zum Tag. Die Eltern sollen davon erst mal nichts mitbekommen.

Als er 17 wird, hat er mit dem Plattensammeln bereits begonnen. Seine ersten Turntables versteckt er zusammen mit Platten von Grover Washington, Roy Ayers und A Taste of Honey im Schuppen. In den Plattenläden wühlt er nach allem mit Groove und Rhythm: Brit-Funk („Level 42 bin ich zu allen Gigs nachgereist“), Disco („Hit N Run Lover von Carol Jiani war in, aber ich hab‘s gehasst – Cerrone und Change hingegen mochte ich“), Latin („Paul Murphy hat mich mit allem versorgt – für meine Show gab er mir anfangs Playlists mit falschen Namen und hat sich einen abgelacht, als ich sie dann vorlas“), Soul („Ich habe Sachen gehört, ohne auch nur irgendeine Ahnung davon zu haben, dass das mal Klassiker werden“). Und natürlich Jazz. Als er Art Blakey und John Coltrane hört, ist es um ihn geschehen. Das College und sowas wie eine vernünftige Karriere können sich die Eltern abschminken, als sie die Turntables im Gartenhaus entdecken. Ganz so stolz sind sie nun nicht mehr.

Für Gilles ist zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass Musik die zentrale Rolle in seinem Leben spielen wird. Er bastelt an einem Transmitter, von Bäumen herab überträgt er damit eigens auf Kassette aufgenommene Shows in Richtung Stadt. Schließlich wird der stadtbekannte Radiosender Invicta auf ihn aufmerksam. Er erhält bei dem illegalen Sender mit Vorliebe für schwarzen Soul seine eigene Show. Er spielt, was er bisher an Platten gesammelt hat, und erreicht damit die gemischte Hörerschaft des Senders in London. Die ersten Gigs und der erste reguläre Job als DJ – in einem Gay Club – folgen. Mit diversen Stilrichtungen zieht Gilles dort bald neues Publikum an, und wird gefeuert, weil man „strictly gay“ bleiben möchte. Er verdient trotzdem weiter sein Geld – auf Hochzeiten, B‘nei Mitzwa, einer U-16 Party in einer Kirche. Bei den Eltern ist er mittlerweile ausgezogen.

Die eingeschlagene Laufbahn gelingt, trotz oder gerade wegen seiner unkonventionellen Ideen. Sein individueller Stil verschafft ihm schon bald Bookings und Regulars in größeren Clubs, höhere Gagen (die allerdings unmittelbar nach den Auftritten in neue Platten investiert werden) und, nach weiteren Stationen bei den Piratensendern KJAZZ, Solar und On Horizon, schließlich die Show „Mad On Jazz“ beim kommerziellen Londoner Lokalsender BBC Radio London. Aber erst bei Kiss FM (1990-1998) und später BBC Radio 1 (seit 1998) wird er sich mit seinem persönlichen Stil im Rahmen der „Worldwide Show“ in aller Welt einen Namen machen können. Mit seinen Eltern hat er sich da längst wieder vertragen.

Gestatten, Acid Jazz-Feinschmecker.

Was macht ihn aus, diesen eigentümlichen Selektionsstil des Musik-Weltreisenden, das Prinzip Peterson? Gehandelt wird in diesem Zusammenhang oftmals der Term „Acid Jazz“, wobei noch zahlreiche andere durch die Szenen kursieren. Letzteres durchaus verständlich, folgt Herr Peterson doch weder live noch im Radio einer einzigen Stilrichtung, sondern erkundet nach jedem dritten Song bereits die nächste. Nicht leicht also, für einen solchen Reichtum an Musikstilen die passende Schublade zu finden, zumal bei jeder neuen Stilrichtung gleich die entsprechende Musikszene mitreden möchte. Jedenfalls geht die Geschichte von Acid Jazz (einer dieser Stempel, die Gilles selbst heute kaum noch hören mag) etwa so:

Ende der 80er Jahre verwandelt die Acid House-Welle England in einen einzigen Rave. DJs wie Paul Oakenfold, Danny Rampling und Nicky Holloway feiern Phutures Acid Tracks. Gilles Peterson, mit seinem Partner Chris Bangs als Alternative im kleineren Nebenzimmer gebucht, hat sichtlich Spaß daran, den Großen nebenan Paroli zu bieten. Eines Nachts dreht sich auf seinem Plattenteller Iron Leg von Mickey & The Soul Generation. Gilles beschleunigt die Platte, was beim Gitarren-Intro ein hochtöniges Quietschen zur Folge hat. Bangs schreit dazu ins Mikrofon: „Fuck that acid house, this is acid jazz!”.

Gilles sagt heute darüber, es sei natürlich als Witz gemeint gewesen, für das Publikum ist der Moment jedoch eine Inspiration. Der Name bleibt hängen, und Gilles Peterson erschließt sich damals eine Szene, die sich im Gegensatz zu Acid House bis heute gehalten hat. Wobei hier der Begriff „Szene“ im Sinne einer separaten Fangemeinde kaum angebracht scheint, denn es handelt sich um Musikliebhaber aus den unterschiedlichsten alternativen Kreisen. Trotzdem finden diese zusammen, denn jeder hat erkannt, dass beim Acid Jazz der „Jazz“ nicht wörtlich zu verstehen ist, sondern eher als musikalische Dimension, als Möglichkeit. Hat der Abend mal einen bestimmten Rhythmus gefunden, kann und darf eigentlich alles erkundet werden. Und diesen Rhythmus findet Peterson garantiert. Patrick Forge sagt mal über ihn den lobenden Satz: „He builds a vibe from a whisper to a scream“.

Acid Jazz ist eigentlich die Fortführung dessen, was Gilles bei Radio Invicta bereits einem kleinen Hörerkreis vorgestellt hat. Aus dem breiten Spektrum des Jazz heraus zieht er Linien zu anderen Musikstilen. Allerdings macht er dabei nicht schon Halt beim Funk oder Soul, die dem Jazz mit ihrer Instrumentalisierung nahe liegen würden, sondern zieht die Linie weiter, bis zum Drum’n’Bass, oder zum Dubstep, oder zum Hip Hop, oder zu Balkan-Rhythmen. Der Weltmusik, sagen viele, hat Gilles Peterson ihre merkwürdigen Abwandlungen mit gregorianischem Gesang und Fidel, Dudelsack und Drehleier genommen und sie tanzbar und clubtauglich gemacht. Ganze Shows widmet er vor Ort ausgegrabenen Perlen aus Afrika, Brasilien, Kuba oder seinem Liebling Japan – und wird dafür von Kritik und Publikum geliebt. Kurzum, Gilles wühlt nach wie vor in den Plattenläden nach Groove und Rhythm – nun ist er damit bekannt geworden.

Bezeichnend und damit das eigentliche Prinzip Peterson ist es, diese musikalische Vielfarbigkeit mühelos und natürlich klingen zu lassen. Wie kein anderer demonstriert Gilles Peterson, wie ein DJ-Set oder eine zweistündigen Radiosendung trotz dauernder Richtungswechsel kompakt und rund klingen kann. Dazu passt sein sanftes Anmoderieren und Kommentieren mit klarer, angenehmer Stimme: „Welcome to Worldwide“, begrüßt er gut gelaunt die Hörer am Anfang jeder Radiosendung, und auch bei Live-Shows wird oft das Mikrofon eingesetzt. Jedes Mal schwingt Begeisterung und Enthusiasmus mit und man merkt dem über 40-Jährigen auch heute noch an, wie sehr er selbst seiner Musik verfallen ist. Das Prinzip Peterson ist abenteuerlich, aber genauso sympathisch. Falsch wäre es jedoch zu sagen, Gilles spiele einfach alles, wie dies vielleicht der bekannte BBC-Kollege John Peel tat, denn er folgt immer seinem Konzept. Alle Möglichkeiten, die der Ausgangspunkt Groove bietet, werden genutzt. Er selbst nennt dies „Joining the Dots“ – ein musikalisches Punkteverbinden und Brückenschlagen.

Gestatten, DJ … äh Selector.

Gilles Peterson gehört damit einer Gruppe von Talenten an, die nicht sich, sondern ihre Musik in den Vordergrund stellen. Man könnte ihn mit seinem langen Erfolgsweg seit den 80er Jahren gar als Geburtshelfer dieser Gruppierung um Rainer Trüby, Michael Reinboth, die Jazzanovas, Toshio Matsuura, Patrick Forge, Nicola Conte und Kruder & Dorfmeister bezeichnen. Man definiert sich selbst meist als Selector und zieht mit einem Lächeln für die vor einem tanzende Menge das Passende aus den mitgebrachten Platten hervor. Als langjähriger Kenner und Freund von Gilles Peterson beschreibt der Frankfurter DJ Michael Rütten die Vision hinter dem Selektieren treffend: „Es geht dabei nicht um temporäre Hypes, sondern um die Vorstellung vom Zusammenspiel Musikauswahl, Crowd, Ort, Sound und vor allem Leidenschaft“. Auch das ist entscheidend, man spielt nichts, was einem nicht gefällt. Trotzdem kann man den Markt durch langjährige Erfahrung irgendwie mit bedienen.

Warum? Das Prinzip Peterson ist nichts anderes als das Prinzip es-muss-grooven – und das lässt sich, wenn es strategisch durchdacht ist, auch verkaufen. Daraus entstanden erfolgreiche Labels wie Ubiquity, Tru Thoughts und Sonar Kollektiv oder Clubnights wie Into Somethin‘ in München und Warm im Londoner Plastic People. In solchen Kreisen ist man Selector, denn die Idee des Superstar DJ scheint oft nicht ganz zu passen. Man hat sich, als alte Garde, rein durch die Musikauswahl einen Namen gemacht, und nicht, wie heute viele DJs, nebenher durchs Produzieren oder gar ein hippes Aussehen. Gilles selbst gibt außerdem zu, dass er heute noch Schwierigkeiten beim Mixen hat. Es sei ihm verziehen, denn auch das ist kein typischer DJ, einer der so ehrlich seine Schwächen preisgibt.

Perfektioniert hat Gilles Peterson dieses Selektieren im Londoner Club Dingwalls. Von 1986 bis 1991 organisiert er dort gemeinsam mit Patrick Forge eine neue Sonntagsveranstaltung, sie hört auf den Namen „Talkin‘ Loud & Saying Something“. Zunächst funktioniert man als überschaubare Community, die meisten kennen Gilles von BBC Radio London und seiner neuen Show auf London Jazz Radio. Später kommen die vom Samstag übriggebliebenen Raver hinzu und die Veranstaltung platzt aus allen Nähten. Gilles erinnert sich: „Die fünf Jahre im Dingwalls zählen zu den besten meines Lebens. Dort konnte ich genau das auflegen, was ich mochte“. Die Dingwalls-Session ist heute legendär, und findet immer noch einmal im Jahr mit Kollege Forge statt, der dafür extra aus Japan anreist.

Beim Gedanken an Dingwalls erinnert sich Patrick Forge noch an etwas anderes: „Gilles hat dort Sachen gespielt, mit denen andere die Tanzfläche leergefegt hätten“. Somit ist klar: So sehr Gilles sich mit seinem Selector-Stil eine eigene Szene erschlossen hat, diese beherrscht und jedes Mal wieder zum Kochen bringen kann, so sehr bleibt einer wie er auch Randfigur. Immer wieder eckt er mit seinen Ideen beim Mainstream an. „Mad on Jazz“ setzt die BBC wegen neuen Managements bald ab, bei London Jazz Radio muss Gilles gehen, weil er „inappropriate music“ vorspielt und sich während seiner Show gegen den Golf-Krieg ausspricht. Bei einem Auftritt auf Ibiza nach Carl Cox scheint die Nische Gilles Peterson so gar nicht ins Klang-Konzept der sonnenverbrannten House-Fanatiker zu passen, kaum jemand kennt ihn und die Tanzfläche leert sich daraufhin schlagartig. Auch mit seinen eigenen Labels stößt er immer wieder an Grenzen.

Acid Jazz-Records gründet Gilles Peterson zusammen mit Eddie Piller in London, um auf den Erfolg seiner Clubnights aufzubauen. Aber sowohl dort als auch beim nächsten Versuch mit Talkin‘ Loud Records, gemeinsam mit Kollege Norman Jay als A&R, muss sich Gilles anpassen und seine eigenen Vorstellungen und Budgets denen eines Major Labels unterordnen. Zwar bringt Talkin‘ Loud heute legendäre Acts hervor und unterstreicht Gilles Talent als Tastemaker, mit 4 Hero, Roni Size (der 1997 sogar den renommierten Mercury Music Prize für das beste Album gewinnt), Nuyorican Soul, MJ Cole, Cinematic Orchestra oder Courtney Pine. Aber finanziell ist das Label nicht rentabel genug und wird aufgelöst. Mit Brownswood Recordings hat Gilles heute sein eigenes, kleines Label gegründet. Dort veröffentlicht er Musik von den Künstlern, die auch in seinen Radioshows funktionieren.

Er selbst beschreibt seine Nische einmal sehr schön: „Stell dir vor, du kommst in einen großen Club. Auf dem Main Floor spielen die ganz großen DJs. Und dann stolperst du plötzlich in ein kleines Nebenzimmer. Ich bin der Typ, der dort auflegt. In meinem Set spiele ich etwas von all den anderen Floors – aber eben nur die guten Sachen“. Es stimmt, das Prinzip Peterson ist das Prinzip von-allem-nur-die-guten-Sachen.

Gestatten, Punkteverbinder.

Alles, was gut klingt, wird gefördert. Auch das ist Punkteverbinden. Auf Brownswood Recordings, benannt nach der Straße, in der Gilles seine riesige Plattensammlung hortet, erscheinen seit der Gründung im Jahr 2006 die versierten Compilations der Browswood Bubblers-Reihe, zusammengestellt vom Meister selbst. Vor allem aber sind es die verschiedenen Künstler, die dem Label eine besondere Note verleihen. Da gibt es die Sänger José James und Ben Westbeech, die Jazz-Folk Band Half Seas Over aus Brooklyn um den Pianisten Elan Mehler, den charismatischen MC Ghostpoet, die lärmende, japanische Jazz-Kapelle Soil & Pimp Sessions oder das Heritage Orchestra, bestehend aus über 40 Mitgliedern, die klassische Musik auf moderne Richtungen wie Grime, Drum’n’Bass oder Dubstep treffen lassen. All diese musikalischen Kuriositäten und Seltenheiten, die Gilles Peterson auf der ganzen Welt entdeckt – ihnen bietet er mit Brownswood Recordings ein Podium.

Das neueste Projekt auf dem Brownswood-Label hört auf den Namen Havana Cultura. Dafür ist Gilles extra nach Kuba gereist. Auf der Karibikinsel nimmt er im Egrem Studio, wo schon der Buena Vista Social Club seine Lieder einspielte, mit heimischen Musiktalenten wie dem Pianisten Roberto Fonseca ein Doppelalbum auf, welches er als kontemporäre kubanische Musik bezeichnet. Klartext: Afro-Kubanische Rhythmen kombiniert mit allem, was der Meister liebt – Jazz, Hip Hop, Funk. Als Zugabe erscheint ein zweites Album mit elektronischen Remixen der kubanischen Stücke. MJ Cole, Louie Vega, 4 Hero, Seiji von Bugz in the Attic, Rainer Trüby und Carl Cox treffen auf die Havana Cultura-Band. Auch das ist Brückenschlagen.

Im Süden Frankreichs, in dem kleinen Fischerdorf Sète, organisiert Gilles seit 2007 jährlich im Juli auch das Worldwide Festival; Ableger gibt es mittlerweile auch in London und Singapur. An der Mittelmeerküste bietet er ein gewohnt farbenfrohes Programm, mit Live-Bands, DJs, seinen eigenen Artists, sich selbst mit einem Set für Genießer direkt am Strand. In diesem Jahr wird auch seine Havana Cultura-Band mit Gilles selbst als Teil des Orchesters (er twittert: „bin ganz schön nervös vor meinem ersten Auftritt als Teil einer Band“) gefeiert. Außerdem sind viele Highlights aus seiner Show gebucht, von Altmeistern wie Gil-Scott Heron und Josh Wink über junge Talente wie Sbtrkt und Theophilus London bis zu Szenegrößen wie Laurent Garnier und Mala. Auch wenn Gil-Scott Heron wieder mal absagen muss, das Festival ist auch dieses Mal wieder ein Erfolg für Peterson.

Wenn man all diese Punkte verbindet, laufen die Fäden auch irgendwo zusammen: beim Radio. Dort hat Gilles vor über 20 Jahren begonnen, dort ist er nach wie vor in seinem Element. Ohne das Podium Radio hätte sich das Prinzip Peterson nie etablieren können. Heute betreibt er zwei Radiosendungen. Die eine Show wird bei BBC Radio 1 live eingespielt, jede Woche geschmückt mit Interviews, Live-Einspielungen aus den BBC Maida Vale-Studios, Best Of-Shows, Gast-Mixes und zahlreichen Specials. In diesem Jahr sendet der Arsenal London-Fanatiker beispielsweise eine World Cup-Show (siehe Box), auch das passt zum Konzept der Worldwide Show. Die andere Sendung ergänzt die bei der BBC, manchmal überschneiden sie sich auch. Sie wird im so genannten Brownswood Basement eigens eingespielt und in über 20 Ländern durch lokale Radiosender wie FM4 (Österreich), J-Wave (Japan) oder Arrow Jazz FM (Niederlande) übertragen. Dem Titel „Worldwide Show“ wird man also nicht nur mit der Musikauswahl gerecht, es hört auch eine internationale Gemeinde zu.

Sie setzt sich zusammen aus Musikliebhabern, die selbst auflegen, Jazz-Heads mit Lust auf mehr, alles-über-Musik-wissenden-Nerds, aspirierenden Jungproduzenten, Gelegenheitshörern auf dem Weg zur Arbeit, Weltmusik-Interessierten und einfach nur Leuten, denen es im normalen Radioprogramm an Groove mangelt. Radio is King, könnte man sich da wie früher denken. Aber es stimmt, der Erfolg der Show liegt genau darin, dass Gilles Peterson mit seiner Show die Fähigkeit besitzt, bestimmte Tracks in andere Musikszenen zu katapultieren, eben weil jeder zuhört. Das Punkteverbinden gelingt dann, wenn ein experimenteller elektronischer Track seinen Weg zum fremden Funk oder gar zu den Jazzern findet. Roland Appel von Fauna Flash erzählt, wie Airplay von Gilles Peterson entscheidend zum Erfolg seines 2007er Club-Hits Dark Soldier beigetragen hat. Ohne diese Hebelwirkung würden solche Perlen oft untergehen, weil sie den Szenen fremd bleiben. „Breaken“ nennt es die Fachwelt. Questlove, GangStarr, NERD, Carl Craig, Jazzanova, Sofrito, Sa-Ra Creative Partners, Jamie Cullum oder United Future Organization – sie alle verdanken ein Stück ihres Erfolges der Worldwide Show. Gilles erkennt diese „Macht“ – so nennt sie ein Wegbegleiter – kaum an. Er macht das, was er vor zwanzig Jahren auch schon gemacht hat – mit Dauergutlaune und Natürlichkeit weiterhin on Air sein. Und das hoffentlich noch lange.

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Aus: uptown strut, Herbst / Winter 2010

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