Montag, 20. September 2010

Es menschelt.

Sechs US-Serien, über die wir morgen sprechen

The revolution will not be televised ist so 90er. Seitdem ist die Fernsehlandschaft in Amerika mit solchen Dingen wie Character-Development, übergeordneter Dramaturgie und dem Prinzip WTF? kräftig aufgemischt worden. Gefallen hat die Revolution im TV uns Zuschauern, und damit auch den Studiobossen. Wie schön, denn das Fernsehprogramm von morgen enthält wieder einige Serienperlen.

An den Erfolg von Mad Men und Breaking Bad versucht der kleine Kabelsender AMC mit zwei Projekten anzuknüpfen. In Rubicon deckt eine Spezialeinheit aus Codeknackern und Rätselexperten eine Verschwörung auf, die sich bis in die höchsten Kreise zieht. Hochspannung in netten kleinen Häppchen, während die Serie noch etwas tut, was der Konkurrenz um Sondereinheiten so oft fehlt: Sie menschelt. Hauptdarsteller James Badge Dale aus The Pacific nimmt man ab, wie er sich nach dem Tod seiner Familie am 11. September in Arbeit verkriecht, dabei niemals lächelt und seinen eigenen Geburtstag vergisst. Mehrdimensionale Charaktere in Verbindung mit konspirativen Kreuzworträtseln – mein Herr, Rubicon birgt Potential.

The Walking Dead basiert auf dem gleichnamigen Comic und stammt von Frank Darabont, dem Regisseur von The Green Mile. Die aufwendig produzierte Serie präsentiert sich vor der verzerrten Kulisse eines endzeitlichen Zombie-Trips. Jedoch ist hier schnell klar, dass der wahre Feind nicht die Horden an Untoten sind, die durch Amerikas Vorstädte und Supermärkte wandern, sondern die übriggebliebenen Menschengruppen, die in ihrer Trostlosigkeit und dem Überlebenskampf zu allem fähig sind. Außerdem will man in Sachen Blutmenge neues Terrain betreten. Also, Splatter meets Sozialdarwinismus meets Serienformat. Nice.

Mit The Big C setzt der Sender Showtime seinen Anti-Helden Dexter Morgan, Nancy Botwin und Hank Moody noch einen mit ins Boot, nämlich die sympathische Catherine Jamison (Laura Linney). Sie hat unheilbaren Krebs, doch damit endet ihr Leben nicht, es fängt erst richtig an. Ehe, Arbeitsleben und Vorstadtdasein werden ab jetzt nach Lust und Laune gelebt. Das endet meist im Durcheinander, das wir mal weinend, mal lachend miterleben dürfen. Cancer als Comedy verpackt? Dramedy – so nennt sich das wohl, und es geht auf. Autorin Darlene Hunt gelingt es vor allem in den Dialogen, uns einem ernsten Thema einfühlsam näherzubringen. Übrigens bis in die Nebenrollen mit Liam Neeson, Idris Elba und Gabourey Sidibe exzellent besetzt.

Rechtmäßiger Nachfolger von The Sopranos könnte Boardwalk Empire werden, das vom gleichen Autor stammt, und ab September auf HBO läuft. Mit Martin Scorsese als Produzent und Regisseur und der hübschen „Based on a True Story“-Ankündigung im Trailer hat dieses Epos überhaupt keine Möglichkeit, etwas Geringeres als eine geniale Mafia-Milieustudie zu werden. Amerika im Wandel der 20er Jahre, es geht um Prohibition, Glücksspiel, Bandenkriege, Bordelle und den Traum, es vom Tellerwäscher zum Millionär zu schaffen. Herrlich, wie hier während Schießereien und Sex alter Gitarren-Rock eingespielt wird. Farbe verleihen dieser düsteren Unterwelt vor allem seine Protagonisten. Steve Buscemi, auch ein alter Bekannter aus The Sopranos, spielt den Gangster Enoch „Nucky“ Thompson. Mit dabei sind noch Michael Shannon, Michael K. Williams (Omar Little aus The Wire) und der Brite Stephen Graham als junger Al Capone.

Und auch zwei neue Sitcoms haben es in sich, und erscheinen sogar verträglich fürs deutsche Vorabendprogramm, im Gegensatz zu Obenstehendem. Beide sendet CBS, die ihrem etablierten Comedy-Segment aus Two and a Half Men, The Big Bang Theory und How I Met Your Mother somit noch zwei Sahnehäubchen aufsetzen können. Mike & Molly von Chuck Lorre (Two and a Half Men) handelt von einem übergewichtigen Pärchen. Er möchte abnehmen, sie hingegen wirkt mit sich selbst zufrieden. Hinter der komödiantischen Fassade zeigt sich CBS zeitgemäß zur Generation Big Mac vs. Next Topmodel. Ähnlich wie bei Lorres anderen Projekten brauchen wir uns davon zwar nicht viel Abwechslung oder Tiefgang erwarten, unterhalten könnte uns Mike & Molly trotzdem.

Genauso Shit My Dad Says, die erste Serie, die auf einem Twitter Feed basiert. Darauf postete Justin Halpern damals die politisch unkorrekten Kommentare seines Vaters Sam. Die Sitcom stellt diese unangenehmen Situationen im Familienleben nach, wobei Mr. William „I am sorry, I can’t hear you over the sound of how awesome I am“ Shatner den Vater mimt. Seit The Office und Curb Your Enthusiasm hat Fremdschämen in Serien Hit-Potential, so auch Shit My Dad Says. Offiziell wurde der Titel übrigens als „Bleep My Dad Says“ entschärft. Für ordentliches Rumgefluche dann doch lieber auf HBO umschalten.


Für alle Genießer, die mitgucken und -reden wollen, hier noch die Startdaten:

Rubicon: 1. August 2010, AMC

The Walking Dead: vsl. Oktober 2010, AMC

The Big C: 16. August 2010, Showtime

Boardwalk Empire: 19. September 2010, HBO

Mike & Molly: 20. September 2010, CBS

Shit My Dad Says: 23. September 2010, CBS

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Aus: Super Paper, August 2010

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