Freitag, 8. April 2011

On Hold!

Please note that this blog is on hold for now. Due to other engagements I am currently not active as a freelance journalist.

Dienstag, 1. März 2011

Rainer Trüby: Zum Rotwein passt Soul

Wir sitzen links unten in Deutschland auf einer Terrasse und lachen. Überhaupt wird in einem Interview mit Rainer Trüby viel gelacht. Das mag an Freiburg liegen, das im Herbst immer noch sonnig und sommerlich erscheint. Oder daran, dass man hier im Garten von badischem Wein und saftigen Trauben umgarnt ist, was unserem Gespräch die angenehme Geschmacksnote verleiht. Wenn man aber genauer hinsieht, liegt es daran, dass Rainer Trüby älter geworden ist. Jedoch schwingt darüber keine Trauer mit, sondern vielmehr Gelassenheit und Lebensfreude. Sein 8-jähriger Sohn springt um uns herum und fragt, ob wir mit ihm Fußball spielen wollen. „Ihr könnt auch zusammen in einem Team sein“, sagt er. „Vielleicht später“, vertröstet ihn Rainer. „Na gut, in zehn Minuten dann …“, kommt es zurück. „Er ist mein Manager“, flüstert mir Rainer daraufhin zu. Und lacht wieder. Dann beginnt er zu erzählen, von Wein und Musik, Sean Penn und japanischem Kugelfisch, echter und Facebook-Freundschaft … und dem Älterwerden.

“U cannot download a bottle of wine” steht auf deiner Myspace-Page …

Genau. Das stammt aus einer Phase, in der Downloads die Vinyl- und CD-Verkäufe überholten und plötzlich jeder DJ sein konnte, wenn er sich nur über einen Klick die Musik zieht. Das war alles andere als gut für die, die davon leben. Mir ist damals eingefallen, dass man so eine Flasche Wein ja nicht runterladen kann – du kannst nicht einfach einen USB-Stick reinstecken und dir dann den Wein zapfen. Ich habe mir damals überlegt Winzer zu werden, wenn das mit der Musik nicht mehr so klappt.

Ist da was Wahres dran?

Na ja, eigentlich müsste ich erst mal das Handwerk erlernen.

Aber du hilfst doch hier um Freiburg oft bei der Weinernte mit?

Nicht oft, nur ein- oder zweimal im Jahr. Aber das macht mir auch großen Spaß, weil es vermittelt einen guten Eindruck davon, wie dieses Produkt eigentlich entsteht.

Wein und Musik, passt das gut zusammen?

Auf jeden Fall. Unser Beats und Öxle-Konzept im Freiburger Club Waldsee, das fruchtet – im wahrsten Sinne des Wortes. Es geht darum, gute und qualitätsbewusste Winzer aus der Gegend einzuladen. Und zum Weinausschank spielen wir dann guten Soul und alte Funk- und Jazzsachen. Das ist ein passendes Konzept, mit dem ich auch jüngeren Leuten Wein näherbringen kann. Ich sehe das im Moment eher als zweites Wohnzimmer, aber das mit dem Wein ist ein Hobby, das langsam wächst.

Tourst du mittlerweile auch mit diesem Beats und Öxle-Konzept?

Kennst du den Hendrik Thoma von TVino.de? Wenn Kerner für seine Kochshow einen Sommelier gebraucht hat, dann war das oft der Hendrik Thoma. Das ist ein Freud von mir, den ich auch mal zu Beats und Öxle eingeladen habe. Er fand das Konzept so super, dass wir es jetzt auch mal in Hamburg veranstalten. Und abgesehen davon lasse ich mich bevorzugt in Weinanbaugebiete buchen und probiere dann die dortigen Gewächse, so nach der Devise „Drink Local, Think Global“.

Meinst du, dass man zu bestimmter Musik auch einen bestimmten Wein reichen sollte?

Ich trinke gerne Rotwein, und dazu passt am besten Soulmusik. Den trinke ich am liebsten, wenn ich mit Freunden beisammen sitze. Aber beim Auflegen mit elektronischer Musik sind mir so frische, leicht säurelastige und knackige Weißweine lieber – da klappt dann das Mixen auch noch. Das muss dann auch nichts Aufregendes sein. Also, gern auch die so genannten verschrienen Sorten wie Müller-Thurgau oder Gutedel. Wenn der von einem Winzer gut gemacht ist, dann kann ich dem auf jeden Fall etwas abgewinnen. Rotwein macht mich beim Auflegen eher müde.

Bei wie vielen Gläsern ist denn Grenze beim Auflegen?

Ich würde sagen nach einer 0,75 Liter Fläschchen leichtem Riesling gibt es noch kein Pferdegalopp danach. Da ist noch alles im grünen Bereich.

Ist das DJ-Dasein nicht eher eine Bierkultur?

Das war bisher so, aber inzwischen wird es immer besser. Die Schweiz und Österreich haben da eine Vorreiterrolle. Es gibt dort in vielen Clubs wirklich sehr gute Weine zu trinken. In Spanien gibt es das Garito Café in Palma de Mallorca, die haben eine richtig tolle Weinkarte mit 40 Positionen, wo jeder Wein genau beschrieben ist. Oft hängt es natürlich vom Wirt ab, der das Trinkverhalten seiner Gäste formt. Ich denke, wenn es guten Wein zu fairen Preisen gibt, dann werden sich einzelne Gäste schon überlegen, einen Wein statt Bier zu nehmen. Im Garito Café habe ich beobachtet, dass viele Leute sich gemeinsam eine Flasche Wein bestellen und dann über einen Abend zusammen trinken.

Wenn ich es so sagen darf – vielleicht liegt das ja auch daran, dass dein Publikum älter wird.

Du hast recht, das könnte natürlich sein. Aber auf Raves und Festivals gibt es nach wie vor keinen Wein, höchstens süßen Sekt. Neulich in Ungarn am Balaton Sound Festival habe ich es bereut, dass in meinem Booking-Vertrag steht, dass ich einen „good local wine“ möchte – die haben mir nämlich so einen lieblichen Wein vom Plattensee hingestellt. In Ungarn gibt es gute Weine, aber der hat mir nicht geschmeckt. Zum Glück hat nach mir Sven Väth aufgelegt, der hatte vier Flaschen Schampus backstage – das hat den Abend dann gerettet.

Welcher Gast trinkt denn welchen Wein gerne? Oder servierst du einfach?

Ich serviere einfach. Normalerweise setzte ich lokale Weine vor, die der Gast noch nicht kennt. Und die meisten sind sehr angetan davon. Ich konnte auch schon so einige DJ-Kollegen vom Wein überzeugen, die bisher kaum Wein getrunken haben. Hier in Freiburg werden sie alle genötigt, mit mir einen Wein zu trinken.

Nehmen deine Gäste dann auch mal einen Wein mit?

Richard Dorfmeister hat vom Weinhändler meines Vertrauens ein paar Flaschen gekauft und sich dann zuschicken lassen.

Wie ist aus dir ein solcher Weinkenner geworden?

Ich war ja bis 2000 überzeugter Weizenbiertrinker und hatte so einen richtigen Ranzen. Meine Freundin hat damals in einem spanischen Lokal in Freiburg, der Casa Española, gearbeitet. Deren Wirt hat mir eines Abends eine gute Flasche Wein aus der Ribera del Duero, einem guten Weinanbaugebiet in Spanien, hingestellt. Das hat schlagartig meine Einstellung zum Wein verändert.

Trinkst du seitdem überhaupt noch Bier?

Kaum. Ich kann vielleicht ein Bier trinken, dann bin ich satt. Oder maximal zwei mexikanische Leichtbiere. Aber dieser Wein war so nachhaltig dass ich mir am nächsten Morgen, bevor ich zum auflegen fuhr, in Freiburg am Bahnhofskiosk drei Weinzeitschriften gekauft habe. Klar habe ich am Anfang nur Bahnhof verstanden – grüne Reflexe, langer Abgang und so. Aber ich wollte das unbedingt wissen, und so habe ich mir übers Lesen und Probieren langsam mein Wissen angeeignet. Inzwischen kann ich sagen, dass ich mich ganz gut auskenne. Mit den Übersee-Weinen habe ich es zwar nicht so, die sind mir meist zu fett und zu gemacht, aber in Europa kenne ich mich aus …

Du scheinst dich vor allem mit spanischen Weinen auszukennen.

Es fing eigentlich mit Spanien an, denn ich hatte mir ein Buch gekauft von einem David Schwarzwälder. Ein spanischer Weinguide, das war damals die Bibel für mich. Daraufhin ging es Schritt für Schritt weiter bis ich die badischen Weißweine und Spätburgunder entdeckte. Aber du hast recht, ich bin vor allem mit diesen dicken spanischen Gewächsen vertraut. Dazu habe ich eine Leidenschaft fürs Kochen entwickelt, so war die Kombination Wein und Essen auch ein Thema.

Das sieht man ja auch schön auf deinem Facebook-Profil. Du postest dort oft tolle Rezepte.

Genau. Facebook ist irgendwie zu meinem Food-Blog geworden. Das hat sich zum Hobby entwickelt. Meist bekomme ich auf sowas mehr Feedback als bei Musik-Posts.

Aber das ist auch privater. Du suggerierst deinem Follower quasi, mit dir am Tisch zu sitzen. Jeder wünscht sich doch, mit einem Star-DJ befreundet zu sein, oder?

Meine Freundin sagt immer, ich sei verrückt: „Wieso willst du jetzt der ganzen Welt mitteilen was du gerade kochst?“ „Weil es mir Spaß macht und ich das gerne mit der Welt teile“. Es muss sich ja niemand dazu äußern, aber ich freu mich, wenn es doch jemand tut.

Steht dann da so etwas wie „500 people like this“.

Nicht ganz zu heftig, aber es gab schon mal so um die 50 oder 60 Leute. Ich komme jetzt in diese Phase, wo ich den ganzen Freundschaftsanfragen nicht mehr hinterherkomme. Im Moment habe ich noch an die 400 ausstehen, und bei 5000 machen sie ja dicht. Deshalb überlege ich gerade, wie ich das auf meine Fan-Page umschichten kann. Aber so leicht ist das nicht.

Vermutlich sollte man als Künstler von Anfang an zwischen Fan-Page und Friend-Page trennen.

Tja, das hätte ich mal wissen müssen, als ich anfing. Aber wo macht man den Unterschied zwischen Fan und Friend. Ich versuche auf der Fan-Page immer mal wieder Musik zu posten. Das eine ist also mehr das Musik-Ding, das andere das private. Aber mittlerweile habe ich beim privaten Profil schon zu viele Freunde, da müsste ich das mal komplett durchgehen und die Nummer drastisch auf die mir nahestehenden Menschen reduzieren. Aber das kann ich ja auch nicht machen.

Ich glaube, bei Facebook merkt man es nicht direkt, wenn du jemandem die Freundschaft kündigst.

Wirklich nicht? „Hey, der hat mich rausgeschmissen – war ich ihm wohl nicht gut genug“.

Klar, einer der auf Mallorca sitzt und dich vergangene Woche dort live spielen sah, der freut sich natürlich wenn du über den Wein postest, den du dort mitgenommen hast. Das schafft eine Illusion, dass man dich kennt.

Für mich ist das mit dem Essen oder Wein auch nichts Privates. Ich habe kein Problem damit, das zu teilen. Natürlich poste ich keine eingemachten familiären Geschichten bei Facebook. Es geht mir eher darum, den Leuten, die sich für mich interessieren, einen Einblick in die Person Trüby zu geben – was macht der, was hört der, was trinkt und kocht der gerne? So sucht man sich halt immer seine altersgerechten Nischen. Naja, als ich angefangen habe mit dem Auflegen war ich 20, jetzt bin ich 39.

Erzähl mal, wie es bei dir angefangen hat.

Aufgewachsen bin ich in Wernau am Neckar, etwa 20 Minuten von Stuttgart. Nach meinem Abi bin ich zum Zivildienst nach Stuttgart, zur Arbeiterwohlfahrt. Ich habe Omas beim Einkaufen geholfen und Essen ausgefahren. Und jeden Dienstagnachmittag von 14:30 bis 17:30 Uhr gab es einen Tanztee mit DJ Rainer Trüby. Es gab zwei Plattenspieler – keine Technics 1210er, aber halt normale – mit einem Schallplattenarchiv. Die größten Hits waren so Sachen wie James Last oder „Es gibt kein Bier auf Hawaii“. Und so gegen 17:00 Uhr gab es eine Rock’n‘Roll-Runde mit Kirmesmusikanten, die kamen bestimmt aus Bayern. Die haben so Medleys gespielt, Bill Hailey meets Elvis Presley zum Beispiel. Da haben sie wirklich ihre Stöcke bei Seite gelegt und dann ging es richtig rund.

Das war dein erster DJ-Gig?

Genau, Tanztee mit DJ Rainer Trüby im Alten Feuerwehrhaus der AWO Stuttgart. Und parallel dazu gab es in Stuttgart damals diesen On-U Club, betrieben von Alexander und Sebastian Schwarz, inzwischen bekannt als Tiefschwarz. So 90/91 bin ich da gerne hin, um den damals noch relativ unbekannten D J Hausmarke AKA Michi Beck zu hören. Der hat Hip Hop mit den zugehörigen Originalen vermischt, also zum Beispiel Jungle Brothers mit dem Sample von People‘s Choice. Damals war ich totaler Hip Hop- und Black Music-Fan und bin auch immer in die GI Disco gegangen, da lief dann Earth Wind & Fire oder Kool & The Gang. Jedenfalls hat mich das so beeindruckt, dass ich richtig in dieses Flohmarkt-Ding eingestiegen bin. Ich dachte ich kauf jetzt einfach die günstigen Platten, auf denen große Afro-Frisuren abgebildet sind. Und irgendwann habe ich dann den Michi Beck und die Gebrüder Schwarz überholt und sie ab und an mit neuen Platten versorgt, die ich in einer Tasche in den Club mitgenommen habe.

Waren die nicht genervt, dass du während ihrer Sets immer am DJ-Pult standest und ihnen Platten hingehalten hast?

Überhaupt nicht, die haben ja gemerkt, was ich für ein Musik-Enthusiast war. Damals hat man sich auch einfach gefreut, wenn jemand interessiert war … na gut, vielleicht habe ich auch genervt, aber dann hätte mich Ali Schwarz wohl nicht gefragt, ob ich gerne am Sonntag auflegen möchte. Bis dahin war ich einfach nur Musikliebhaber, aber ich hatte Lust das zu probieren. Außerdem musste ich am nächsten Morgen eh in Stuttgart arbeiten. Also haben wir einen Acid Jazz-Abend gemacht, mit Hip Hop, Soul, Funk so bis 5, 6 Uhr morgens. Danach habe ich mich in den Polo der Arbeiterwohlfahrt gelegt und noch zwei Stunden geschlafen, bis es wieder zum Zivildienst ging.

Mit Michi Beck und den Fantastischen 4 gibt es ja auch noch eine schöne Geschichte.

Das stimmt. Ich habe immer Platten vorgehört und mir überlegt, was Groove hat und wie man was benutzen könnte. Und dann kamen die zu mir, und wir haben die Samples aufgenommen, damals noch auf DAT. So kam „Die Da“ zu Stande, mit dem Sample von Asha Puttli. Oder auch das Gitarrensample auf „Tag am Meer“. Bei deren Platten werde ich auch als Sample-Quelle genannt. Aber mittlerweile haben sich die Fantastischen 4 ja von den Samples verabschiedet.

Besteht da heute noch Kontakt?

Ja, sowohl zu Michi Beck und Smudo als auch zu Tiefschwarz. Michi Beck hat vor einiger Zeit auch mal in Freiburg bei Root Down aufgelegt.

Root Down ist deine Residency im Freiburger Waldsee. Wie gestaltest du da einen Abend?

Wir fangen ja schon um 10 Uhr an. Ich arbeite mich so langsam hoch vom Downtempo und Slow House mit Soul, Funk und Revenge-Sachen bis ich so gegen 12 Uhr beim klassischen Housetempo angekommen bin. Meist übernimmt so gegen 12:30 Uhr der Gast und manchmal spielen wir am Ende noch zusammen. Aber so mag ich das auch, dem Gast überlasse ich die Prime Time, damit wird es eine runde Sache.

Root Down gibt es seit über 15 Jahren. Geht hier an Musikstilen alles durch oder ist im Gegenteil das Publikum daheim besonders kritisch?

Bei Root Down kommen die Leute zu 80 Prozent für die Sache. Da gibt es kaum Wünsche aus dem Publikum. Wir haben viele Franzosen da. Ein Freund von mir organisiert einen Bus aus Mulhouse, da kannst du für 15 Euro anreisen. Das wurde allerdings zuletzt immer schwieriger, weil irgendwelche Franzosen verloren gegangen sind. Einmal war eine Gruppe Schweizer Jungs da, aus einem Dorf in der Nähe von Luzern. Die hatten einen Kleinbus mit Fahrer gechartert. Theo Parrish war hier und der landete dann irgendwie morgens um 7 in diesem Bus und ist eingeschlafen. Zum Glück hat es jemand gemerkt sonst wäre der ganz schnell über die Grenze gefahren.

Es ist ja auch eine schöne Vorstellung, solch große Namen in einer gemütlich-rustikalen Gaststätte wie dem Waldsee, Weinservice inklusive, auflegen zu sehen.

Aber alle fühlen sich wohl hier. Ich glaube, die merken auch dass wir die Sache mit Herzblut betreiben und dass es keinen kommerziellen Hintergrund hat, sondern um die Musik geht. Die meisten Gäste kenne ich eh und das spricht sich somit rum. Aber manche waren recht teuer, dann muss man mal den Eintrittspreis korrigieren. Alles über 8 Euro stößt in Freiburg schnell mal auf Kritik, dann brauchst du schon einen guten Namen. Früher war das anders. Wir hatten eine Hochphase, wo wir an manchen Abenden so zwischen 800-1000 Leute durchschleusten. Eigentlich gehen nur 400 rein, aber man kann auch draußen aufmachen. Ich denke, wenn alle hinwollen, ist man schon bereit, mal mehr zu zahlen.

Wie lang bist schon hier in Freiburg?

Seit dem Herbst 1992, ich bin dann nach dem Zivildienst hierher um zu studieren.

Und hast was studiert?

Soziologie, das war auch das einzige Studienfach, das mir mein Abi-Schnitt von 3,1 erlaubt hat. Und es klang gut. Ich hatte auch noch VWL, da bin ich aber nach den Buchungssätzen gleich wieder ausgestiegen. Und ich weiß nicht, wie ich darauf kam, aber auch Holländisch habe ich zwei Semester lang studiert. Ich glaube ich fand es einfach lustig. Da ist natürlich nichts hängengeblieben, nur nachmachen kann ich es recht gut.

Aber du hast nicht fertig studiert, oder?

Nein, ich habe auch meist in den Vorlesungen akribisch DJ-Charts oder Plattenverkaufslisten von irgendwelchen obskuren Händlern in Amerika oder England studiert und Häkchen gemacht – die habe ich, die brauch ich. Als ich dann so 95/96 vor meiner Zwischenprüfung stand, hat sich die Frage gestellt, ob ich jetzt Musik oder Studium richtig mache. Schließlich habe ich meinen Eltern eröffnet, dass ich mich exmatrikulieren werde, um von der Musik zu leben.

Und wie haben die damals reagiert?

Ich habe das diplomatisch sehr clever eingefädelt, indem ich Ihnen Zeitungsartikel und Interviews vorlegte. Nur so um ihnen den Glauben zu geben, dass der Sohn nicht ganz so verloren ist. Aber so war es eh nicht, im Gegenteil, sie waren dann auch stolz. Wenn ich meiner Mutter heute Artikel zeige, dann freut sie das immer noch.

War denn der Einstieg in die Musik schwierig?

Nach Stuttgart war es vor allem in Freiburg anfangs schwierig. Ich musste echt hausieren und betteln gehen. In einem Club habe ich den Mittwochabend bekommen, so schön aufgezogen mit Flyern. Im Schnitt waren dann so zehn bis 15 Gäste da. Und immer wenn am Donnerstag ein Feiertag war wurde ich so um 18 Uhr vom Clubbesitzer ausgeladen, weil er mich als nicht ertragreich genug ansah. Das hat mich so gefuchst, weil ich da echt eine Vision hatte, mir eine Fanbase aufzubauen. Naja, zumindest habe ich dort auch meine jetzige Freundin kennengelernt, so hatte das auch etwas Gutes. Aber es hat sich entwickelt. In einem anderen Club konnte ich mit einem Freund auflegen, so Jazz, Funk, Soul, Rare Groove. Das waren dann schon 200 Leute. Da konnten wir es uns auch mal erlauben, Gast-DJ’s zu buchen, zum Beispiel Michael Reinboth für wenig Geld damals. Der Durchbruch war aber erst mit Root Down. Da haben wir so mit 300 Leuten bei der ersten Party angefangen und seitdem ging es bergauf. Ich glaube Freiburg hat so etwas gebraucht.

Parallel lief es ja auch mit A Forest Mighty Black.

Genau, die erste Maxi auf Compost Records, gemeinsam mit Bernd Kunz, den ich hier in Freiburg kennenlernte. Das war so 93/94. Das hat mir auch eröffnet, mal in England aufzulegen, denn in der Acid Jazz-Szene kam die Platte gut an.

Das war dein erster Auftritt im Ausland?

Ja, in der Schweiz und in England, damals auf dem Phoenix Festival nach einem GangStarr-Konzert. Da war der junge Schwabe zum ersten Mal im Ausland. Darüber wurden sie dann auch in Deutschland auf mich aufmerksam.

Wie viele Musiker wurdest du also über einen Umweg im eigenen Land bekannt?

Ja, der Prophet im eigenen Land, oder wie nennt sich dieses Phänomen? Jedenfalls ging es damals richtig los, und so ab 1996 habe ich mich richtig aufs Auflegen konzentriert. Ich war öfter bei Into Somethin‘ in München, nachdem mich da Michael Reinboth, Florian Keller und Theo Thönessen gebucht haben. Und so entstand später dann auch das Trüby Trio mit Christian Prommer und Roland Appel, mit dem es vielleicht irgendwann mal weitergeht. Wir haben uns ja nie offiziell aufgelöst.

Gerade in England saß ja auch eine Szene, die sich damals sehr für diese Musik begeisterte.

Zur Acid Jazz-Hochzeit waren vor allem England und Japan zwei sehr meinungsbildende und fördernde Märkte. Da gab es das Magazin Straight no Chaser, übrigens ähnlich der uptown strut. Das war damals das Organ der Szene; es ging um Gilles Peterson, Patrick Forge, Kevin Beadle – Leute, mit denen ich vom Geschmack her sehr viel gemeinsam hatte. Und von denen waren eben auch diese Playlists drin, die ich akribisch an der Uni studierte.

Wie hast du die zentralen Acid Jazz-Leute denn kennengelernt?

Über Gigs, bei Gilles stand ich neben dran mit meinem Notizblock und habe mir später alles was er spielte bei Plattenbörsen und Mailordern bestellt. Aber parallel dazu habe ich angefangen in Second Hand-Läden nach deutschen Jazz-Platten zu suchen, ob da nicht was Brauchbares dabei sein könnte. Und später bin ich, in einem kleinen Täschchen diesen deutsche Jazz-Fusion-Waffen dabei, nach England gereist und habe Gilles diese obskuren Platten nach einem Auftritt unter die Nase gehalten. Er guckte mich nur an und fragte: „Any good?“. Und ich nur so: „Yeah – check it“. So haben wir uns angefreundet.

Was hast du ihm denn mitgebracht?

Peter Herbolzheimer Rhythm Combination, viel von MPS, Dave Pike. Von „Gypsy Nova“ von Kitty Winter hatte ich 20 Stück dabei. Ich habe sie Gilles für 75 Pfund verkauft, was ordentlich war. Diese Platte haben dann nach einem Jahr ungefähr alle Drahtzieher um Gilles und Patrick gespielt, da haben die Japaner schon mal 300 Pfund dafür hingelegt, so teuer wurde die dadurch. Ich habe mir über solche obskuren Verkäufe mein Hobby, das Sammeln, finanziert. Damals musste man schon richtig Geld investieren, ich habe manchmal so um die 400 oder 500 Euro für eine Platte ausgegeben. Heute mit dem Downloadbutton ist das eh alles anders geworden.

Wie bist du auf solche Raritäten aufmerksam geworden?

Wenn man sich gut auskennt findet man immer wieder solche Perlen. Oft war es natürlich nur ein Suchen und Finden auf Glück. Du nimmst etwas, was vom Cover her gut aussieht, oder kennst einen Musiker oder Arrangeur, dann kaufst du auf Probe, so für 5 bis 10 Mark damals. Die richtig guten habe ich mir in großen Stückzahlen zugelegt und als Verkaufsmaterial nach England mitgenommen.

Ihr beeinflusst euch ja immer noch gegenseitig. Ich erinnere mich, wie Gilles nach seinem letzten Root Down-Gig zum Beispiel „Miezekatze“ von Ogris Debris spielte und erwähnte, dass er es von dir empfohlen bekommen hat.

Hat er wirklich? Aber der Gilles macht sein Radio-Ding auch schon sehr gut. Vor allem, wenn er zum Mikrofon greift, dann nervt das nicht, sondern er hat eine angenehme Art und angenehme Stimme.

Man kann dich ja, genau wie Gilles, als eine Geschmacksinstanz bezeichnen. Warum hast du eigentlich nie eine Radioshow präsentiert?

Ich glaube einfach ich war zu faul. Ich habe oft Gastbeiträge gemacht, oder Charts geschrieben. Und das Waldsee war einfach mein Podium. Obwohl das sicher eine klasse Plattform wäre, und mir auch Spaß machen würde.

Hast du zu den Engländern eigentlich eine Freundschaft aufbauen können, die über die Musik hinausgeht?

Auf jeden Fall. Patrick Forge ist ein sehr intelligenter Mensch mit tiefgründigem Humor, der neben Gilles zu meinem Mentor geworden ist. Die beiden und auch noch Kevin Beadle haben meinen Geschmack maßgeblich geprägt, was ich ihnen dann mit meinen deutschen Entdeckungen ein Stück weit wieder zurückgeben konnte.

Mit Musik als gemeinsamem Interesse bilden sich sicher schnell feste Freundschaften.

Total. Mit vielen DJ‘s bin ich wirklich so sehr befreundet, dass man auch mal zusammen in den Urlaub fährt. Einer davon ist zum Beispiel der Nacho Velasco, der dieses Garito Café in Palma de Mallorca macht. Der ist ein ganz dicker Kumpel. Aber auch die Münchner – Christian Prommer, Roland Appel, Michi Reinboth – das ist wie eine Familie. Mit denen ist es immer lustig in Miami bei der Winter Music Conference, da sind wir ja wirklich alle geballt auf ein paar Tage zusammen. Das ist fast wie ein Schülerausflug, wie im Schullandheim.

Bleibt so eine Freundschaft denn bestehen wenn man sich kaum sieht? Wie ist es da denn zum Beispiel bei Gilles Peterson, ihr habt beide einen vollen Tourplan und begegnet euch dadurch kaum.

Das ist schon so, ja. Aber wir tauschen uns so alle zwei Wochen mal per Telefon aus. Er fragt mich dann immer: „Rainer, what are your Top 3 tunes at the moment?” Das haben wir neulich angefangen, das macht auch echt Spaß.

Ist er tatsächlich so ein Arsenal- und Musikfreak wie man es sich immer erzählt?

Er ist schon ein Musikfreak. Ich glaube, man muss ihn ein bisschen kennen um das ganze Bild vom Gilles zu verstehen.

Als er jünger war, hatte er wohl eine verrückte Phase. Da gibt es dieses schöne Zitat von ihm: „I was this irritating guy who irritates me these days“.

Ja, er war halt jünger damals. Aber eigentlich war es immer schon so. Er war eben immer schon der Gilles.

War es eigentlich nie jemandem zu suspekt, was ihr so auflegt? Musstest du dich auch mal rechtfertigen?

Damals schon, es war eigentlich Kraut und Rüben und nur mit einer gewissen Verbindung. Heute ist das anders, ich finde Bindeglieder zwischen den Musikstilen.

Joining the Dots, oder?

Ganz genau, und Gilles ist nach wie vor einer, der das am besten kann, von A nach F zu gelangen. Aber mein Stil hat sich auch verändert. House war früher mal ein Schimpfwort, heute spiele ich es liebend gerne und kaufe Houseplatten aus den 80ern und 90ern nach. Anfangs konnte ich auch nicht so gut mixen, ich machte Übergange vom 60’s Boogaloo Jazz zum Drum’n’Bass und blendete im richtigen Moment raus damit es nicht holpert und stolpert. Heute ist es keine Kunst mehr. Aber letztlich ist deine Musikauswahl der Spannungsbogen.

Die Auswahl war ja viel eher das Definierende in der Acid Jazz-Szene.

Genau. Und diejenigen, die dann auch noch einen perfekten Mix mit einer herausragenden Auswahl verbinden konnten, das waren die Chefs. So Leute wie Jürgen von Knoblauch oder Alex Barck, die waren ganz groß. Ich fand immer, das Schöne am Acid Jazz war, dass man alles spielen durfte. Es hat Spaß bereitet, weil ein breites Set akzeptiert wurde.

Ist das denn heute nicht mehr so?

Ich sage immer, Acid Jazz haben wir überlebt, und es war eine schöne Zeit. Danach war kurz Krise, wir mussten uns finden und neu definieren. Und als dann Nu Jazz kam gehörten wir, mit ein paar Neuen, wieder wohin. Aber letztlich war Nu Jazz die Fortführung von Acid Jazz mit einem neuen Begriff, um in den Medien Fuß zu fassen. Bei Nu Jazz kam parallel halt noch Drum’n’Bass und Broken Beat dazu, was auch mitreinspielte.

War dann beim Nu Jazz nicht irgendwann das Problem, dass ihr von Compilation-Alben verschluckt wurdet und mit solchen Sachen wie Hotel Costes den Lounge-Stempel aufgedrückt bekamt?

Lounge ist eh das allerschlimmste.

Entfernt sich deine Münchner Familie Compost Records so langsam von allem, was einst Nu Jazz war?

Könnte sein, ja. Diese Black Label-Reihe ist mehr für den Dancefloor, genauso Compost Disco, dieses neue Sublabel. Das geht auf Italo Disco und die Münchner Geschichte zurück – die Connection mit Bozen, Innsbruck und Tirol. Wobei die Alben schon noch sehr divers klingen und wohl weiterhin auf Compost direkt erscheinen.

Bist du noch als A&R für Compost tätig?

Wenn ich auf Tour etwas bekomme, oder wenn mir jemand etwas schickt, dann reiche ich das weiter an den Michi. So kam auch schon einiges zu Stande, aber mittlerweile macht das ja der Thomas Herb. Aber ich schaffe es zeitlich eh nicht, alle Promos zu hören, die mir geschickt werden.

Welche Releases kamen denn so zu Stande?

Joseph Malik habe ich entdeckt, Eddy meets Yannah, Alif Tree. Dann auch Kyoto Jazz Massive, die haben mir vor Ort etwas gegeben. Fürs Black Label Dan Mela, Dodi Palese und Wagon Cookin aus Spanien. Ich wollte auch Bassfort vermitteln aber die landeten dann auf Freerange.

Nach Acid Jazz und Nu Jazz, wie definierst du dich denn heute für die Medien?

Ich sage immer ich bin ein Deephouse-DJ, der seine Roots berücksichtigt. Und die liegen im Jazz, Funk, Soul, Disco, Afro, Latin, Brasil. Manchmal werde ich als Elektro-DJ bezeichnet, aber das ist eigentlich kein Begriff, den ich mag.

Wie sehr ist deine Plattensammlung denn über die Jahre gewachsen?

Heute kaufe ich lange nicht mehr so viel wie früher. Damals waren es bestimmt so an die 30 bis 40 Platten pro Woche. Und dazu kamen noch die DJ-Promos auf Vinyl, die heute eigentlich nur noch Platz wegnehmen. Also, mal überlegen, Mitte der 90er besaß ich so zwischen 15-20000, Ende der 90er ungefähr 25000. Heute dürften es so an die 25-30000 sein. Ein Großteil ist in meinem Büro, die alten Schätze sind hier in meinem Haus. Ich war immer schon Sammler. Momentan sammle ich übriges Kotztüten aus Flugzeugen. Vielleicht könnte man ja mal eine Kotztüten-Tauschbörse aufmachen.

Wer von euch hat eigentlich die größte Plattensammlung?

Michi Reinboth, der hat wohl so an die 50-60000.

Gilles Peterson soll ein ganzes Haus voller Platten haben.

Okay, dann hat der sicher mehr als ich. Aber die Promos auf Vinyl sind deutlich zurückgegangen, heute kommt alles als MP3-Download, was schade ist, aber ich verstehe es auch. Ohne Musikproduktion kann man ja heute in Musikbusiness kaum noch Geld verdienen, es sei denn man macht Volksmusik oder kommerzielle Musik. Jedenfalls mit Tanzmusik oder Vinylverkäufen verdienst du heute kaum noch etwas, bei mir kommt eher mit den Downloads ein bisschen was zusammen. Früher war es anders, da hat man noch an CD- und Vinylverkäufen verdienen können.

Wird man da als Musiker bitterer, wenn sich so vieles verändert?

Bei Root Down ist es schwierig, unsere erste Generation zeigt sich dort kaum noch, denn die meisten haben jetzt Kind und Kegel und sind dem Clubbing einfach entwachsen. So vor zwei oder drei Jahren war es schwierig, die junge Generation wieder in den Club zu holen. Aber im Moment läuft es wieder, wir haben eine gute Mischung. Es kommen immer so zwischen 200 und 600 Leute. Und parallel dazu läuft ja auch noch Beats und Öxle für die ältere Generation, aber auch da geht’s oft ab. Wichtig war jedenfalls, dass ich stets parallel zum Auflegen auch produzierte, mit Bernd Kunz, mit dem Trüby Trio, und mittlerweile mit Danilo Plessow.

Motor City Drum Ensemble? Der hat ja auch auf Compost releast.

Ja, das ist der, das Wunderkind aus Stuttgart. Der hat mit 16 seine erste Platte gemacht, auf Pulver Records als Inverse Cinematics. „Stripped down to the Bone“ hieß der Track auf Compost. Inzwischen ist er 24 und wir produzieren seit etwa zwei Jahren zusammen. Danilo kommt dann immer aus Stuttgart hierher, packt sein Auto voll mit neuen Synthesizern und die stöpseln wir uns dann im Keller ein. Und dann machen wir drei oder vier Tage Session. Daraus sind zum Beispiel „To Know You“, „Ayers Rock“ oder „Hirtenruf“ entstanden.

Aber das läuft unter dem Rainer Trüby Alias, oder?

Ja, wir wollten es zunächst anders benennen. Aber Danilo hat gemeint, wir machen es als Rainer Trüby und er ist einfach als Produzent mit dabei. Das ehrt ihn, aber ich denke, als Motor City Drum Ensemble hat er auch genug Erfolg.

Wie entstand dieser Kontakt zu ihm?

Wir kennen uns noch von Stuttgart. So etwa 2004 habe ich dort aufgelegt und er war auch da. Eines meiner Stücke hat ihm gut gefallen und ich habe ihm am Ende die Platte geschenkt. Außerdem schätze ich seine Produktionen sehr. Und ich brauche jemanden, wie auch beim Trüby Trio damals, der das Technische beim Produzieren beherrscht. Meine Computerkenntnisse beschränken sich darauf, E-Mails zu senden und zu empfangen und mein Facebook-Konto zu managen. Ich konnte mich nie so richtig aufraffen, mir das Produzieren selbst anzueignen. Als DJ brauchst du deshalb einen Producer.

Wer übernimmt denn welchen Part bei so einer Session?

Na ja, wir sitzen immer zusammen da und ich schenke ihm guten Wein ein. Nein, am Anfang stehen irgendwelche Samples, die gut passen. Das sind Standhalter, die vielleicht später auch wieder rausfallen können. Aber ich spiele selbst auch mal Harmonien ein, ich kann jetzt kein Solo spielen, aber so nach Gefühl geht das. Inzwischen ist ja auch das Musikmachen deutlich einfacher geworden. Und dann überlegen wir, ob noch Gesang von einem Sänger dazukommen soll, oder ob wir im schlimmsten Fall sogar selbst singen, wie bei „Es lo que pasa“, oder beim „Hirtenruf“, das war dann so gegen 3 Uhr morgens.

Lass uns noch ein wenig übers Reisen reden. Spielst du oft im fernen Ausland?

2010 hatte ich bisher nur zwei Interkontinentalreisen, im März nach Miami und im September nach Singapur. Früher waren es mehr. Zu Nu Jazz-Hochzeiten war ich mindestens einmal pro Jahr in Japan. Dort war ich wahrscheinlich schon an die zwölf Mal. Jetzt ist die Frage, wann sie mich wieder buchen werden ...

Wie lange geht denn so eine Tour in Fernost?

Maximal zwei Wochen. Man versucht eben immer, die Wochenenden mitzunehmen. Und unter der Woche sind natürlich auch einige Off-Days. Einmal waren es insgesamt 20 Tage, davon sechs oder sieben Gigs, was natürlich schon streng ist.

Aber du wirst in Japan sicher gut betreut, oder?

Sehr. Alles ist organisiert und du kannst dich auf alles verlassen – Züge, pünktliche Menschen. Nur der Verkehr in Tokyo ist etwas anstrengend. Aber die Japaner, das sind Gastgeber. Shuya oder Yoshihiro Okino von Kyoto Jazz Massive organisieren dir alles sehr genau und sind dann auch die ganze Zeit als Begleiter dabei.

Selbst an Tagen, an denen du nicht auflegst?

Genau, selbst dann. Ich werde zunächst ins Hotel gebracht, um mich auszuschlafen. Und am nächsten Tag holen sie mich ab, zum Sightseeing, zum Einkaufen, oder auch mal zur Massage.

An solchen Tagen freut man sich sicher, den Job mit so etwas Besonderem verbinden zu können.

Ja, gerade in Japan, da geben sich die Leute richtig Mühe. Oft sind Promoter bei Auslandsreisen auch zu Freunden geworden. So fühlt man sich auch wohl, und weiß vorher, was einen erwartet. Und in Japan gab es wirklich schon besondere Momente. Einmal habe ich in einem kleinen Ort gespielt, Oita im Süden Japans, in einem ganz kleinen Club für etwa 80 Leute. Der Veranstalter hat mich in Fukuoka mit dem Auto abgeholt und wir sind dann zwei Stunden nach Oita gefahren. Dort hat er für mich ein Abendessen organisiert, bei dem es nur Gerichte vom Fugu gab, also von diesem Kugelfisch, für den der Koch eine Lizenz braucht, weil der ja auch giftig sein kann. Das waren so fünf Gänge. Es gab Sashimi, Shabu-Shabu und Sushi, also verschiedene Varianten. Für die Japaner ist das ja eine Delikatesse, das essen die vielleicht einmal im Jahr. Ich will nicht wissen, was das gekostet hat. Der Fugu war zwar schon recht gut, aber das Sashimi schmeckte wie ein uralter Kaugummi, wie Wrigley‘s aus den 70ern oder so. Ich glaube gerade diese Textur lieben die Japaner, obwohl dieser Fisch geschmacklich nichts bietet. Da ist jeder Lachs oder Thunfisch deutlich schmackhafter. Zum Fugu gab es übrigens einen Riesling von Robert Weil aus dem Rheingau - unglaublich.

Beeindruckend. Da zeigt sich nochmal die perfekte Gastfreundschaft der Japaner.

In Amerika hingegen wirst du gerne mal alleingelassen. Oft ist auch gar keiner da, der dich am Flughafen abholt. Manchmal fährt man sogar mit dem Taxi zum Gig. Ich finde diese Anti-Haltung schade. Und das Alleinreisen ist auch recht anstrengend. Aber das ist zum Glück selten.

Hat man bei größeren Touren überhaupt noch einen Nerv, sich am nächsten Tag etwas anzuschauen?

Wenn ein Tag Pause ist, dann geht das schon. Ich will es natürlich ausnutzen und den Ort kennenlernen, an dem ich gerade bin. Aber wenn es gleich weitergehen muss versuche ich schon, meine fünf bis sechs Stunden Schlaf zu bekommen. Dann reicht es gerade mal noch für einen Kaffee.

Du bringst sicher von jeder Reise auch besondere Geschichten mit.

Oh ja, da könnte ich dir Dinge erzählen. Zum Beispiel von Moskau, das war Wahnsinn, da habe ich in so einer Sushi-Lounge, in so einem Terrassen-Lokal aufgelegt. Das fing ja auch schon so verrückt an. Ich bin von Zürich nachts abgeflogen und war so gegen 2 Uhr morgens in Moskau. Dann hat mich einer mit einem Rainer Trüby-Schild abgeholt, der ewig groß war und kein Wort Englisch sprach. Der hat mich dann in einen goldenen, getunten Ford Scorpio mit abgedunkelten Scheiben verfrachtet und ist durch die Moskauer Nacht gerast wie verrückt. Ich saß hinten und kam mir echt komisch vor; ich kannte auch den Promoter nicht. Spätestens als der Fahrer dann in einem russischen Industriegebiet herumfuhr dachte ich nur: „Was mache ich hier eigentlich? Mama, hol mich hier raus“. Er hat mich dort in ein Business-Hotel gebracht. Am nächsten Tag hat mich der Promoter abgeholt, ein smarter Typ, der hat mir darauf den dekadent-schicken Club gezeigt. Es gab zu Essen und er reichte mir die Weinkarte mit Chablis Grands Crus, also nur das Teuerste. Die Gäste waren nur unter 20-jährige Models mit dicken, alten Männern. Vor meinem Set hat er mir dann eine 16-jährige wunderschöne Blondine vorgestellt: „This is Olga. She speaks French. She’s taking care of you“. Mein Gesichtsausdruck glich in dem Moment einem „Aha, okay“. Also hat diese Olga ihr Bein um meines geschlungen und ich gab mir Mühe, mit ihr irgendwie auf Französisch ein Gespräch anzufangen: „Eh, je m’appele Rainer …“. Sie hat mich aber nur komisch angesehen, woraufhin mir auch klar wurde, dass der Promoter wohl etwas anderes gemeint haben muss mit „She speaks French“. Jedenfalls habe ich dann aufgelegt und sie war zunächst noch mit mir in Blickkontakt. Plötzlich kam so eine Menschentraube in den Club rein, in der Mitte Sean Penn. Naja, und als ich nach Olga guckte war sie nicht mehr da. Nach einer halben Stunde auflegen ist dann die Olga mit dem Sean Penn abgehauen.

Hast du noch so eine schöne Anekdote?

Madrid war auch speziell. Da war ich von 8 bis 10 Uhr morgens auf einem Rave gebucht. Und das ist für mich schwierig, denn ich kann vor sowas nicht schlafen, um dann morgens nur einen Kaffee zu trinken und mein Croissant zu essen und auf ein kaputtes Festival zu gehen, wo jeder druff ist. Also habe ich versucht, mich wach zu halten. Kurz vor meinem Auftritt ging gerade auf einem anderen Floor das brutale Set eines Techno DJ’s zu Ende, daher sind die ganzen Raver zu mir rübergekommen. Ich war damals zu Acid Jazz-Zeiten noch nicht so versiert in der elektronischen Musik, also habe ich Batucada-House gespielt, das war wirklich das Gröbste was ich hatte. Naja, irgendwann während meines Sets musste ich Pinkeln, also bin ich hinten runter von der Bühne. Und ich weiß noch genau, wie mir plötzlich der Strahl stehenbleibt weil ich höre, wie auf der Bühne die Musik ausgeht und die Nadel am Tellerrand kratzt. Das Schlimmste ist, wenn du nicht fertigpinkeln kannst, weil für etwa 1000 Leute, die tanzen möchten, keine Musik mehr spielt. Ich sah dann einen Besoffenen, der auf die Bühne geklettert war und die Plattennadel weggesetzt hatte. Und es war auch weit und breit keine Security da. Irgendwie konnte ich ihn dann mit meinem Spanisch von der Bühne runterbringen, aber dann war der Gig auch gelaufen. Die Sonne ging auf, und im Sommer wird es in Madrid ja auch richtig heiß – und das Festival fand auch noch neben einer Kläranlage statt. Das war auf jeden Fall ein Tiefpunkt.

Gibt es einen bestimmten Ort, an dem du gerne mal spielen möchtest?

Ehrlich gesagt würden mich neue Ziele sehr reizen. Vielleicht Kasachstan, oder Kambodscha. Am Gaza-Streifen, wo Hans Nieswandt gespielt hat, das wäre nichts für mich, das ist mir zu arg. Aber ich würde gerne mal nach Südamerika, weil ich die Musik dort sehr mag. Da war ich bisher nur in Mexiko und einmal in Brasilien mit Kruder und Dorfmeister.

Wo war dein letzter besonderer Auftritt?

Ich war zuletzt in Barcelona, bei Sonar Kids, was eine Woche vor dem offiziellen Sonar Festival stattfindet. Da legst du für Kinder auf. Vor mir hat Jimi Tenor gespielt, der hat Kinderlieder elektronisch manipuliert – das war der Hammer. Ich konnte gar keine Platten mehr spielen weil um mich herum so an die 20 Kinder standen und auf dem DJ-Podest rumgehüpft sind. Und die Eltern standen unten und haben fotografiert. Das Sonar Kids ist schon eine super Sache.

Was wäre denn ohne Musik aus dir geworden?

Glücklicherweise lief es meistens gut, so musste ich mir diese Frage nie stellen. Aber so ganz ohne Musik … vielleicht Taxifahrer. Mit dem Studium lief es ja nicht so.

Nicht doch Winzer?

Hm, vielleicht. Ich schreib dir jetzt jedenfalls noch ein paar Weinempfehlungen und ein Rezept zusammen.

---

Aus: uptown strut, Frühjahr 2011

Dienstag, 11. Januar 2011

New York, 1960 – Der Anzug sitzt.

Die US-Serie Mad Men zeigt dir zwei Szenen lang die Illusion einer heilen Welt, nur um in sie der dritten zerbrechen zu lassen. Dieser Zyklus steht exemplarisch für das Leben der zentralen Figur Don Draper, einem Werbefachmann im New York der 60er Jahre. Zwischen den Scheinwahrheiten und Verkaufsslogans seiner Kreativarbeit, dem beklemmenden Vorstadtleben und der zerbrechenden Ehe, den gesellschaftlichen Konventionen der 60er und der Flucht vor der eigenen Vergangenheit – zwischen all dem versucht Draper die Illusion einer heilen Welt Aufrecht zu erhalten. Am Schönsten ist die mehrfach prämierte Serie genau dann, wenn sie durch ihre feinfühlige Bildsprache und exzellenten Dialoge den Blick auf das Innenleben ihrer Charaktere freigibt. Ohne ihre maßgeschneiderten Designeranzüge erhalten diese nämlich in ihrer Zerbrechlichkeit, ihrer Suche nach Nähe etwas zutiefst Menschliches. Dies können wir als Zuschauer im Heute wortlos nachvollziehen, und so hat Szene Drei oft auch etwas Erfüllendes, ja geradezu Kathartisches. Und nebenbei natürlich das Verlagen nach Szene Vier.

---

Aus: TRAFFIC, Dezember 2010

Montag, 10. Januar 2011

Glänzendes Shoot’n‘Drink.

Es wurde sehnlichst erwartet, das 65-Millionen-Dollar-Großprojekt vom amerikanischen Pay-TV Sender HBO. Allein das Set-Design von „Boardwalk Empire“ stellte alles bisher Dagewesene in den Schatten: Für fünf Millionen wurde die Meerespromenade im Atlantic City des Jahres 1919 detailgetreu nachgebaut. Schließlich sollte man in der Serie von Produzent Martin Scorsese und Autor Terrence Winter („The Sopranos“) die Prohibitionszeit und das Gangstermilieu so akkurat wie möglich nacherleben. Dem Start im September folgten dann auch phänomenale Quoten, ordentliche Kritiken (vor allem für die hervorragenden Schauspieler) und natürlich die Bestellung einer zweiten Staffel. Boardwalk Empire glänzt, ist aber noch nicht ganz Gold. Hinter dem Pomp und den hochgesteckten Erwartungen wirkt die Handlung manchmal etwas ziellos. Jedoch sind wir mitten in der ersten Staffel, und – man erinnere sich – die Revolutionen von „The Sopranos“, „The Wire“ und „Lost“ kamen auch nicht von heute auf morgen. Deshalb: Abwarten und Whisky trinken!

---

Aus: TRAFFIC, Dezember 2010

Montag, 3. Januar 2011

Futuristische Maskerade.

Die französischen House-Produzenten Daft Punk verstecken sich immer noch hinter Roboterhelmen. Das passt fast zu gut zu ihrer Musik für den Science-Fiction-Film "Tron Legacy".

Im Universum des Pop gilt eine Regel seit Bestehen: Sobald sich jemand eine Maske aufsetzt, will man wissen, wer sich dahinter verbirgt. Bei Batman war das so, bei Darth Vader auch. Diese Mystik der Anonymität, das Geheimnisvolle, möchte man irgendwie entschlüsseln. Und damit nimmt man nicht etwa die Musik anders wahr, sondern den Künstler. Wer steckt hinter dieser Maske, fragt man sich und löst damit letztlich selbst einen Hype aus.

Mit Hypes ist es im Pop ja bekanntlich so, dass sie nur von kurzer Dauer sind. Nicht so die Maskerade, sie scheint regelmäßig für Faszination zu sorgen: Erst waren es The Residents, dann gab es Detroits Techno-Kollektiv Underground Resistance sowie die HipHopper MF Doom und Sido, später den mittlerweile normalisierten Dubstep-Produzenten Burial, gefolgt von seinem Kollegen Sbtrkt - und schließlich sind da die bizarr-schleierhaften Inszenierungen einer Lady Gaga.

Und natürlich reihen sich hier auch Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo mit ein, die sich bei ihren Auftritten stets unter eigens konstruierten Helmen verstecken und sich damit als futuristische Elektro-Roboter in Szene setzen. Vor allem die Alben "Homework" und "Discovery" lieferten zwischen den glitzernden Clubwelten von Paris, New York und Tokio ein Abbild moderner Tanzmusik.

Mit ihrer Maskerade, Audiofiltern und einer äußerst nervösen Snaredrum hatten sie diese zur grellen Erlebniswelt hochstilisiert, mit genial verwandelten Samples und erfolgreichem Selbst-Management aber auch nie den Boden unter den Füßen verloren. All das machte die beiden Franzosen, ob sie es nun wollen oder nicht, zu Popstars. Daft Punks neues Album, ein gemeinsam mit einem Orchester eingespielter Soundtrack zum Film "Tron Legacy", belebt die Pop-Mystik nun auf neue Weise.

Daft Punk und ein 90-köpfiges klassisches Orchester - abgesehen von der Auskopplung "Derezzed" erinnert das kaum noch an die aufgeladene Dancefloor-Effekthascherei der letzten Alben. In Kombination mit dem Orchester klingen die sonst so übersteuerten Synthesizer erstaunlich zurückhaltend, eher gedämpft und atmosphärisch begleiten sie die Stimmung. Man hört Streicher und Pauken, die sich langsam aufbauen und mit elektronischem Zuspiel immer schneller und dynamischer werden. Genial, wie sich im Finale erst klassische und elektronische Passsagen abwechseln, um dann in all ihrer Pracht parallel zu harmonieren.

Der Soundtrack funktioniert auch, weil man den Pop der Bilder hier für einen Moment vergisst und nun die Mystik ganz in der Musik entdecken kann. In einem Zeitalter, in dem Pop hauptsächlich über die visuelle Komponente funktioniert, ist das selten. "Deinem Sampler ist egal, wie du aussiehst", schrieb der Musiktheoretiker Kodwo Eshun einmal. Daft Punk haben das erkannt und inszenieren ihre futuristische Maskerade neu, als atmosphärisches Klangwerk. Die Musik ist auf dem Soundtrack das Geheimnisvolle, das es zu erforschen gilt.

Hinter der Maske dieser Musik entdeckt man Bilder, die geradewegs aus der futuristischen Filmwelt von "Tron Legacy" zu stammen scheinen: in leuchtendem Neon gehaltene geometrische Felder, auf denen sich futuristische Maschinen und Menschen Wettrennen und Verfolgungsjagden liefern. Der Film ist die Fortsetzung zum 80er-Jahre-Kultfilm "Tron" um Wettkämpfe im digitalen Innenleben eines Supercomputers. Mit teuren Animationseffekten und der Verpflichtung alter und neuer Stars bringt Hollywood nun diesen zweiten Teil ins Kino. Hierzulande wird er Ende Januar anlaufen.

Daft Punk verwandeln ihre Pop-Mystik auf neuartige und eindrucksvolle Weise: durch Bilder in unseren Köpfen. Den maskierten Cameo-Auftritt im Film hätte es da wohl nicht mehr gebraucht, aber er erinnert uns daran, was Daft Punk ja immer noch sind: Popstars.

---

Aus: taz, 28. Dezember 2010

Sonntag, 2. Januar 2011

Behind the Mask.

„Wir sind keine Popstars“, verkündeten Daft Punk vor über zehn Jahren und setzten sich Masken auf, um nicht sich, sondern ihre Musik in den Vordergrund zu stellen. Damit erreichten sie jedoch genau das Gegenteil. Über die Neubelebung der Pop-Mystik und das imposante neue Album der Roboterfranzosen.

Im Universum des Pop gilt eine Regel seit Bestehen: Sobald sich jemand eine Maske aufsetzt, will man wissen, wer sich dahinter verbirgt. Bei Batman war das so, bei Darth Vader auch. Diese Mystik der Anonymität, das Geheimnisvolle, das wollen wir doch stets entschlüsseln. Und lösen damit schlussendlich selbst den Hype aus. Und mit diesen Hypes ist es im Pop ja bekanntlich so, dass sie nur von kurzer Dauer sind. Nicht so die Maskerade, sie funktioniert zyklisch – erst The Residents, dann Detroits Underground Resistance, MF Doom und Sido, dem mittlerweile normalisierten Burial folgte Sbtrkt, und schließlich die bizarr-schleierhaften Inszenierungen einer Lady Gaga.

Und natürlich reihen sich hier auch Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo mit ein, die sich bei ihren Auftritten stets unter eigens konstruierten Helmen verstecken und sich damit als futuristische Elektro-Roboter in Szene setzen. Ihr Kostümfest macht die beiden Franzosen, ob sie es nun wollen oder nicht, zu Popstars. Vor allem die Alben „Homework“ und „Discovery“ lieferten zwischen den glitzernden Clubwelten von Paris, New York und Tokyo ein Abbild moderner Tanzmusik. Mit ihrer Maskerade, Audiofiltern und der nervösen Snaredrum hatten sie diese zur grellen Erlebniswelt hochstilisiert, mit genial verwandelten Samples und erfolgreichem Self-Management aber auch den Boden unter den Füßen nie verloren. Daft Punks neues Album, ein gemeinsam mit einem Orchester eingespielter Soundtrack zum Film Tron Legacy, belebt die Pop-Mystik nun auf neue Weise.

Daft Punk und ein 90-köpfiges klassisches Orchester – das klingt so evokativ und tiefgreifend, das man den Pop der Bilder für einen Moment vergisst und die Mystik ganz in der Musik entdecken kann. In einem Zeitalter, in dem Pop hauptsächlich über die visuelle Komponente funktioniert, ist das selten. „Deinem Sampler ist egal, wie du aussiehst“, schrieb der Musiktheoretiker Kodwo Eshun einmal. Daft Punk haben das erkannt und inszenieren ihre futuristische Maskerade neu, als atmosphärisches Klangwerk. Die Musik ist auf dem Soundtrack das Geheimnisvolle, das wir erforschen möchten.

Sie erinnert, abgesehen von der Auskopplung „Derezzed“, kaum noch an die aufgeladene Dancefloor-Effekthascherei der letzten Alben. In Kombination mit dem Orchester klingen die sonst so übersteuerten Synthesizer erstaunlich zurückhaltend, aber trotzdem kraftvoll und durchdringend. Genial, wie sich hier zum Beispiel im Finale Klassik und Elektronik in all ihrer Dynamik abwechseln. Dieses gelungene Zusammenspiel lässt in unseren Köpfen Bilder entstehen, die geradewegs aus der futuristischen Filmwelt stammen könnten. In Tron Legacy, der Fortsetzung zum 80er Jahre-Kultfilm Tron mit Jeff Bridges, geht es um Wettkämpfe im digitalen Innenleben eines Supercomputers. Mit teuren Animationseffekten und der Verpflichtung alter und neuer Stars bringt Hollywood nun diesen zweiten Teil ins Kino. Hierzulande wird er Ende Januar anlaufen.

Daft Punk mögen nicht ganz an Vangelis heranreichen, die mit dem Soundtrack zu Blade Runner ihr Meisterwerk schufen. Dafür verwandeln sie auf diesem Album ihre Pop-Mystik auf neuartige und eindrucksvolle Weise: durch Bilder in unseren Köpfen. Den maskierten Cameo-Auftritt im Film hätte es da wohl nicht mehr gebraucht, aber er erinnert uns daran, was Daft Punk ja immer noch sind: Popstars.

---

Aus: Evolver, Dezember 2010

Donnerstag, 30. Dezember 2010

Aloe Blacc - Good Things.

Wenn Bushs Amerika die Musik rebellischer machte, so hört sie sich unter Obama nachdenklicher an. Auf die rüpelhaften Meinungsmacher des Rock und Pop folgt, gerade im Soul, eine sozialkritische und geheimnisvolle Stimme à la Dwele, Erykah Badu oder eben Aloe Blacc. Sein neues Album »Good Things« sei nach dem Multi-Genre-Ausflug »Shine Through« rein dem Soul gewidmet, verkündet der Kalifornier, und beseelt uns mit einem Cover von Velvet Undergrounds »Femme Fatale« auf einfühlsam romantische Weise. Die Texte verbinden gesellschaftliche Makrothemen mit persönlichen Geschichten, erzählen von einer Finanzkrise (»Miss Fortune«, »So Hard«), ergebnisloser Politik (»Politician«) und dem immer anhaltenden Traum, es vom Tellerwäscher zum Millionär zu bringen. Der Opener »I Need a Dollar« handelt vom Schicksal eines Angestellten, der entlassen wird und seine Probleme im Alkohol ertränkt. Als Titelmusik der HBO Fernsehserie »How to Make It in America« um zwei Semi-Dropouts mit kulturindustriellen Karriereträumen in New York wurde der Track rasch zum Abbild der strauchelnden Selfmade-Generation.

In Blaccs Musik manifestiert sich die Erinnerung an die feinfühligen Balladen aus den Hochzeiten von Motown und Stax. Im Refrain folgt auf den Call immer noch die Response und Rhythmik und Melodien funktionieren fernab von jeglicher Hektik des modernen Pop. Letzteres ist auch der ausgezeichneten Begleitband The Grand Scheme zu verdanken, die gemeinsam mit dem Künstler das Album nahezu komplett live eingespielt hat. Mit Stones Throw aus Los Angeles hat Aloe Blacc zudem ein geeignetes Independent-Label gefunden, um in seinem Wirken experimentierfreudig zu bleiben.

---

Aus: Skug, Dezember 2010

Mittwoch, 22. Dezember 2010

Reviews.

Spirit Catcher – Partners in Crime (Systematic)

The two Belgian funkymen known as Spirit Catcher have committed a crime. Which one you ask? Well, none other than releasing some outrageously funky grooves in form of their latest album “Partners in Crime“. And maybe not really reinventing themselves since „Voodoo Knight“. But who cares when the formula adds up? Saucy club bangers, minimalistically progressing beats, only one vocal track (“No Way Out“), driving deep house on the proved single “Sedona“, an Isley Brothers sample on “Special Dimension“ and a few slower tracks (“Under Elvis“) are enough for a synth extravaganza of great proportions. Verdict: Guilty but groovy!

Sei A – White Rainbow (Turbo)

Sei A’s “White Rainbow“, a follow-up to his 2009 album “Editing Shadows“ on the French label Missive, takes us on a colourless, melodyblind and crude journey across distorted beat landscapes and mechanic tact aesthetics. Tracks like “Flicker“, “Little One Song“, “Flylo“ or “Out of Reason“ are gloomy musical fantasies, but nevertheless achieve to evoke a distinct sample-based and vocal-filled groove that might very well work on dusty dancefloors. The latter half of the album attracts with a number of softer and melancholic tunes (especially the outro “Meth II“). This release on Tiga’s label needs getting used to, but after a while develops into a decent album.

Various Artists – Tirk03 (Tirk)

Nasty voices would say this is the kind of music to listen to whilst sipping on your expensive cocktail. But we don’t, and instead call it a great record with vast influences from 70’s disco to spliffy dub, from harmonic deep house to psychedelic electronic rock – Richard Norris Time and Space Machine sounding a bit like The Chemical Brothers with their classic “Dig Your Own Hole“. Besides, a great funky vocal-led groove by Sam Annad aka Architeq, a slow disco rework of “Sugar“ by The Love Supreme (still not better than the original), and dubby electronic rhythms introducing the London-based Skintologists. Nice one.

---

Aus: Electronic Beats, Dezember 2010 – März 2011

Dienstag, 21. Dezember 2010

Isoliert im sozialen Netzwerk.

Wenn Musik gefühlte Bilder vertonen soll, dann konnte man sie bei „Hand Covers Bruise“ sofort wahrnehmen. Und das nicht nur, weil es sich bei dieser Komposition um die Filmmusik zu The Social Network handelt. Das Stück ist die Einleitung zu einem hervorragend durchdachten und atmosphärischen Album von Nine Inch Nails-Gründer und Frontman Trent Reznor und seinem Produzenten Atticus Ross. Auf der Leinwand sehen wir im Opener Mark Zuckerberg über den nächtlichen Campus von Harvard rennen und seine ersten digitalen Pläne schmieden. Die Szene untermalen Reznor und Ross mit einem bescheidenen und minimalistischen Pianoklang, der die Szene in ihrer Dynamik und Stimmung exzellent zu begleiten weiß. Fast meint man, die Isolation in dieser verregneten, in dunklen Blautönen gehaltenen Welt spüren zu können. Ähnlich überzeugend ist übrigens auch der Rest des Albums, mit einer übersteuerten Variante von Edvard Griegs „In der Halle des Bergkönigs“ zur Ruderregatta in England. Like-Button angeklickt.

---

Aus: TRAFFIC, Dezember 2010

Montag, 20. Dezember 2010

Weltmusik im Clubkontext.

Más cerca! Sie darf sich gern noch näher an den Clubkontext heranwagen, diese Weltmusik. Na ja, Irish Folk und gregorianische Choräle mal ausgenommen. Aber Hugo Mendez, Frankie Francis und der Mighty Crime Minister hatten sowieso den richtigen Riecher, als die drei Musikconnaisseure vom Londoner Sofrito Soundsystem aus südamerikanischer, karibischer und afrikanischer Musik-Feinkost etwas Frisches zusammenbastelten. Für ihre Projekte waren sie einige Wochen auf Reisen, z.B. durch Kolumbien, um dort alles an alten Vinylschätzen aufzukaufen, z.B. Cumbia und Calypso, Salsa und Sklavengesänge. Daheim wird dann alles auf einer Kompilation versammelt (dankbar muss man sein für solche Labels wie Soundway oder Analog Africa) oder als Edit im Club gefeiert – „Palenque Palenque“ war so eine Compilation, „Cumbia Colombiana“ so ein Edit. Fürs nächste Jahr gilt bitteschön: Más música y más cerca, por favor!

---

Aus: TRAFFIC, Dezember 2010